Stürmer Veloferien-Blues in 10vor10!

Gestern Abend erlebten wir eine tolle Überraschung: Ausgerechnet mein/unser Videoclip, den wir für dieses Telebärn-Voting gedreht hatten, kam ganz zu Beginn von 10vor10 und dann auch noch später eingeblendet in der Sendung. Unbestritten, es ist Selbstinszenierung des Kandidaten ;) Aber anders als die Moderatorin behauptet, war das Video gar nicht teuer – nämlich 0 Franken. Regi pimpmy Müller hat uns das nämlich kostenlos gedreht – vielen Dank nochmal liebe Schwägerin!

Mein Nationalrats-Wahlkampf 2015: Plakate, Smartvote, Medien und Finanzen

Matthias Stürmer in den NationalratDie Spatzen pfeifen es von den Plakatwänden: Wiedermal ist Wahlherbst und meines sowie viele andere Gesichter lachen auf den Strassen, in den Briefkästen und im Internet den Wahlberechtigten entgegen. Auch wenn es eine etwas anstrengende Zeit ist, machen so Wahlkampagnen neben den inhaltlich interessanten Erfahrungen und spannenden Begegnungen auch ziemlich Spass.

Am meisten Schmunzeln habe ich bis jetzt für mein/unser Telebärn Bewerbungs-Video erhalten. Auf den Familien-Veloferien von Basel nach Mannheim habe ich plötzlich erfahren, dass man ein Wählt-mich-Handy-Clip an Telebärn schicken solle. Da glücklicherweise auch meine vielseitig begabte Schwägerin Regi Müller mit auf der Tour war und ständig singend für gute Stimmung sorgte, dichteten wir spontan einen eigenen kurzen Wahlsong – nicht wissend, dass unsere tolle Idee schon bald von anderen kopiert würde ;)

Hier kann jeden Tag von neuem bis am 28. August 2015 für mein Wahlvideo gestimmt werden. Die Kandidierenden der Clips, die es unter die Top 20 schaffen, dürfen an einen halbstündigen Wahltalk ins Telebärn-Studio. Darum bitte hier für mein Video stimmen! (vorher jeweils noch “Ich bin kein Roboter” ankreuzen)

Daneben gibt es natürlich auch die seriösen Wahlplattformen wie Smartvote, wo mein Profil aufgeschaltet ist und meine politischen Positionen noch etwas differenzierter dargestellt sind:

Und so kündigt mich meine Partei, die EVP Kanton Bern, als Spitzenkandidat an:

Insgesamt sind wir 5 Spitzenkandierende auf der EVP Hauptliste: Unsere nationale Parteipräsidentin Marianne Streiff, die Kantonalpräsidentin Christine Schnegg, der aktuelle Grossratspräsident Marc Jost, der Grossrat und Unternehmer Markus Wenger sowie meine Wenigkeit.

Medienpräsenz gehört auch dazu, darum wagte ich mich im Juli an das herausfordernde Thema der gleichgeschlechtlichen Ehe und Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare mit einem Interview im Tagesanzeiger Online:

Auf Facebook entstand – entgegen meiner Befürchtung – eine durchaus konstruktive Diskussion mit Befürwortern und Kritikern meiner Meinung:

Meine Meinung zum kontroversen Video der amerikanischen Katholiken, gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption in der Schweiz. Hoffe auf eine faire Diskussion, selbst auf Facebook!

Posted by Matthias Stürmer on Montag, 27. Juli 2015

 

Oder gerade heute ist wiedermal mein Kernthema in der Berner Zeitung, weil die Stadt Bern zig Millionen für neue Microsoft-Computer ausgeben will:

Mein Engagement für Open Source Software in der Stadt Bern war der ursprüngliche Auslöser, weshalb ich mich vor rund 10 Jahren überhaupt für Stadtpolitik und die EVP begonnen hatte zu interessieren – offenbar brauchts noch etwas Arbeit…

Last but not least spielen auch Finanzen bei so einem Wahlkampf immer eine wichtige Rolle. Weil es leider keine verbindliche Regelung bezüglich Transparenz der Wahlfinanzierung gibt, habe ich selber eine für mich festgelegt: Nachfolgend führe ich fortlaufend alle zugesagten Spenden für meinen diesjährigen Wahlkampf auf. Diejenigen von 1000 Franken und mehr weise ich namentlich aus, diejenigen unter 1000 Franken sind nicht namentlich aufgeführt:

04.08.15 Ehepaar 100 CHF
04.08.15 Einzelperson 100 CHF
06.08.15 Ehepaar 200 CHF
06.08.15 Ehepaar 200 CHF
06.08.15 Ehepaar 100 CHF
08.08.15 Einzelperson 100 CHF
09.08.15 Ehepaar 100 CHF
09.08.15 Ehepaar 200 CHF
10.08.15 Ehepaar 500 CHF
12.08.15 Ehepaar 200 CHF
13.08.15 Ehepaar 500 CHF
13.08.15 Total 2300 CHF

Zu den Spenden werde ich nochmal den selben Betrag von unserem Familienkonto für meinen Wahlkampf ausgeben. Damit werde ich Wahlkarten-Verteilaktionen, den Bedruck meines Twizys, APG-Plakate, Wahlinserate in Zeitungen und Social Media Werbung finanzieren.

Wer gerne meine Wahlaktivitäten unterstützen möchte, kann gerne an folgendes Konto eine Spende einzahlen (und mir kurz ein Email zur Information schicken) – vielen herzlichen Dank im Voraus!

Postkonto EVP Stadt Bern: 30-2067-3
IBAN: CH64 0900 0000 3000 2067 3
Vermerk “Matthias Stürmer”

Spenden an politische Parteien können bis zu mehreren Tausend Franken vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden (siehe bspw. Regelung im Kanton Bern). Anfang Jahr verschickt die EVP deshalb entsprechende Spendenbestätigungen.

SIK Jubiläumsveranstaltung: Positive und kritische Worte zur Informatik der Stadt Bern

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Vor einer Woche hatte ich die Möglichkeit, kurzfristig für Stadtpräsident Alexander Tschäppät bzw. Gemeinderat Reto Nause fürs Grusswort im Erlacherhof an der 40-Jahre Feier der Schweizerischen Informatikkonferenz SIK zu reden. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar positive wie auch kritische Worte über die Informatik der Stadt Bern zu teilen:

Schweizerische Informatikkonferenz (SIK), Feier zum 40-Jahr-Jubiläum,

Donnerstag, 25. Juni 2015, 19 Uhr, Erlacherhof, Bern

Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Geschätzte Damen und Herren

Ich begrüsse Sie herzlich im Garten des Erlacherhofs, dem offiziellen Regierungssitz der Stadt Bern. Es freut mich, dass wir als Stadt Bern Gastgeber für die SIK Jubiläumsveranstaltung sein dürfen.

Ich überbringe Ihnen auch gerne den Gruss von Gemeinderat Reto Nause, der sich aufgrund eines kurzfristigen Spitalaufenthalts für heute Abend leider entschuldigen lassen muss.

Selber bin ich zwar kein Gemeinderat, aber immerhin Mitglied des Stadtberner Parlaments. Dafür bin ich von der passenden Partei, der EVP, was ja neuerdings Elektronische Volkspartei heisst.

Ich nehme an, Sie haben die Besichtigung der Berner Altstadt bzw. des Bundeshauses genossen. Die Altstadt, die ja zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und das Bundeshaus sind zugleich auch die beiden bekanntesten Aushängeschilder der Stadt. Nun sind wir hier im historischen Erlacherhof. Dies ist der wöchentliche Tagungsort des Gemeinderats der Stadt Bern (Exekutive), Sitz des Stadtpräsidenten, der Präsidialdirektion und der Stadtkanzlei. Der Erlacherhof ist geschichtlich und architektonisch das bedeutendste private Bauwerk der Stadt. Gebaut wurde der Stadtpalast im 18. Jahrhundert – also zu Zeiten des Ancien Régime. Damals herrschten in der Stadt Bern die Patrizier.

Anders als das geplante Grusswort des Berner Gemeindesrats möchte ich jetzt die Geschichte von Bern nicht vertiefen und auch nichts über die steigenden Einwohnerzahlen, das sinkende Durchschnittsalter, die beliebtesten Vornamen oder etwa über die Anzahl Kühe, Schweine und Hühner der Stadt Bern sagen.

Sondern, da ich mich als Stadtrat und auch als Forscher und Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern mit Informatik und Digitalisierung beschäftige, nehme ich die Gelegenheit wahr, ein paar Informationen und Gedanken zur IT der Stadt Bern zu teilen. Diese sind möglicherweise auch für andere öffentliche Informatikstellen interessant und relevant.

Ich mache es ganz einfach: Was finde ich positiv, wo habe ich meine Bedenken. Begrüssenswert sind folgende Punkte:

  • Wie viele von Ihnen wissen, bin ich grosser Befürworter von Open Source Software bei Behörden. Von dem her freut es mich sehr, dass die offizielle Informatikstrategie der Stadt Bern den verstärkten Einsatz von Open Source als eine der 5 Zielsetzungen vorsieht und auch tatsächlich umsetzt. Immer mehr IT-Projekte beziehen Open Source Software mit ein, momentan sind es bereits über 20 der rund 60 laufenden IT-Projekte.
  • Zwar nicht mehr neu, dafür seit über 10 Jahren im Einsatz ist die heutige Website der Stadt Bern. Ein Content Management System, das so lange im Einsatz steht, kann schon als digital nachhaltig bezeichnet werden – umso mehr, weil es für den Relaunch nicht komplett neu gebaut werden muss sondern Dank dem Open Source Prinzip bloss ein Update kriegt.
  • Ein positives Beispiel finde ich auch die neue BernBox, eine Art Dropbox für alle 2500 Mitarbeitende. Diese wurde mit internen Ressourcen vollständig auf Open Source Komponenten aufgebaut und ist seit Februar 2015 im produktiven Einsatz. Dabei wird unter anderem OwnCloud, MariaDB und Elasticsearch eingesetzt. Ein sehr innovativer Ansatz, der hoffentlich bald auch in anderen Behörden Anwendung findet.
  • Und sehr mutig finde ich die Initiative der Stadt Bern, sich mit den Städten Zürich und Basel zusammenzuschliessen und gemeinsam die Beschaffung der neuen Fallführungslösung im Sozialwesen vorzunehmen. Im neu gegründeten Verein CitySoftNet wird erstmals eine wichtige Fachanwendung gemeinsam mit anderen Behörden beschafft – ein verständlicherweise nicht einfacher dafür umso sinnvollerer Weg.

Nach so viel Lob noch zwei negative Punkte:

  • Ich finde es sehr schade, dass man es in der Stadt Bern vor drei Jahren verpasst hat, einen sinnvollen Standort der Server-Infrastruktur zu wählen. Anstelle sich bei einem der zahlreichen und hochprofessionellen Housing-Anbietern im Raum Bern einzumieten, hat die Stadt Bern beschlossen, für zig Millionen ein eigenes, neues Rechenzentrum zu bauen. Im Vergleich zum Bedag-RZ oder dem neuen Swisscom-RZ im Wankdorf ist das in Bern bloss ein Rechenzimmer, kein Zentrum. Dieses Geld hätte man anstelle von Dieselgeneratoren und Klimaanlagen besser in IT-Fachleute oder die dringenden E-Government Projekte investiert.
  • Auch kritisch sehe ich die anhaltende Abhängigkeit der Stadtinformatik von den einschlägigen IT-Anbietern, die sich fortlaufend über freihändige Vergaben für ihre proprietären Produkte freuen dürfen. Alleine in der Stadt Bern zahlen wir jährlich mehrere Millionen für Software-Lizenzen. Die Preise werden von den Herstellern diktiert. Diese Abhängigkeiten sollten systematisch reduziert werden indem Open Source Alternativen gefördert werden.

Meine These ist: Wenn die öffentliche Hand GEMEINSAM nur einen Bruchteil vom Geld, das sie den IT-Herstellern jährlich an Lizenzpreisen bezahlt, in den Aufbau einer Open Source Büroautomatisation stecken würde, hätte man innerhalb kurzer Zeit einen modernen und kostenlos skalierbaren Workplace bereit. Wie Balthasar Glättli heute Nachmittag ausgeführt hat, ist dies sehr im Sinne der digitalen Nachhaltigkeit der öffentlichen Informatik. Die SIK könnte da eine entscheidende Führungs- und Koordinations-Rolle übernehmen, was ich für nächsten Jahre als sehr wichtig empfinde. Nur so können wir als kleine Schweiz den gigantischen Firmen die Stirn bieten.

Nun aber genug der Worte zu Stadtinformatik und Open Source. Gemäss Regieanweisung hätte ich diesen Begriff sowieso nur maximal 2x erwähnen dürfen! Ich schliesse hiermit und sage: Prost beim Apéro – lang und digital nachhaltig lebe die SIK!

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Vorstoss von GFL, EVP, GB, JA! und SVP gegen geplante BLS-Werkstätte in Riedbach im Berner Stadtrat eingereicht

Stadtrat Bern

Gegen die geplante BLS-Werkstätte in Bern Riedbach gibt es auch im Stadtrat grossen Widerstand. Heute haben wir eine von links bis rechts unterstützte Interpellation mit kritischen Fragen an den Gemeinderat eingereicht. Die Antwort wird ca. Ende Mai eintreffen:

BLS Werkstatt auf der grünen Wiese?

Dringliche interfraktionelle Interpellation GFL/EVP, GB/JA!, GPB-DA, SVP (Matthias Stürmer, EVP / Franziska Grossenbacher, GB / Luzius Theiler, GPB-DA / Ueli Jaisli, SVP)

Der Stadtrat hat vergangene Woche mit Erstaunen aus den Medien erfahren, dass die BLS die Planungsarbeiten für den Neubau einer Werkstätte in Riedbach in Angriff nimmt. Aus ökonomischen Gründen sollen die bestehenden dezentralen Werkstätten an einem Standort konzentriert und die Züge ab 2025 in Riedbach gewartet werden. Der Standort überzeuge verkehrstechnisch durch die Nähe zum Bahnhof Bern und der freien Kapazitäten auf der Linie Bern-Neuenburg. Gemäss BLS-Direktor Bernard Guillelmon gibt es zu diesem Standort keine Alternativen.

Das Bauprojekt verschlingt 20 Hektaren Land, was 30 Fussballfeldern entspricht. Heute liegen diese Flächen in der Landwirtschaftszone. Am Mittwoch 17. März informierte die BLS die 20 direkt betroffenen Landeigentümer über die Pläne. Tags darauf wurde die Öffentlichkeit über das Bauvorhaben ins Bild gesetzt. Die Interpellanten haben grosses Verständnis für die Wut und Ängste der betroffenen Landwirte: Durch den Verlust des Kulturlandes sind sie in ihrer Existenz bedroht. Für die Interpellanten ist das Projekt aber auch aus der Perspektive der Raumplanung und des Landschaftsschutzes untragbar: Der Bau der grossen Werkstatthalle auf der grünen Wiese würde das Landschaftsbild einschneidend verändern. Der ländlich geprägte Raum von Riedbach, der ein wichtiges Naherholungsgebiet der Stadt Bern darstellt, würde geopfert.

Die BLS behauptet, sie hätten 21 Alternativen zum Neubau in Riedbach geprüft. In diese Vorprüfung seien Aspekte der Raumplanung sowie des Umwelt- und Landschaftsschutzes eingeflossen. Das Fazit sei jedoch eindeutig: Zum Neubau in Riedbach gebe es keine Alternative. Die BLS stellt sich auf den Standpunkt, dass das Projekt in einem Plangenehmigungsverfahren nach Eisenbahngesetz realisiert werden könne. Dafür braucht es keine Umzonung der Landwirtschaftsflächen und damit auch keine Volksabstimmung. Das Projekt wird einzig durch den Bund bewilligt. Der Kanton und die Standortgemeinde Bern haben keine Entscheidungskompetenz.

Für die Interpellanten ist dieses Vorgehen sehr problematisch. Die Pläne widersprechen völlig dem städtischen Baurecht, dem geltenden wie dem in Erarbeitung begriffenen Stadtentwicklungskonzept, der 1982 gutgeheissenen städtischen Volksinitiative zur Erhaltung des Landwirtschaftsgebietes in Oberbottigen sowie den Zielsetzungen des revidierten eidgenössischen  Raumplanungsgesetzes. Bauernbetriebe in der Nähe dichtbesiedelter Gebiete sind wichtig. Sie ermöglichen eine regionale Nahrungsmittelversorgung ohne grosse Transportwege und zeigen der Stadtbevölkerung, wie Lebensmittel produziert werden.

An der Informationsveranstaltung vom 24. März teilten die BLS-Verantwortlichen den rund 200 anwesenden Anwohnern und weiteren Engagierten mit, dass sie den Bericht zu den 21 geprüften Standorten und die entsprechenden Kriterienbewertungen nicht offenlegen wollen, weil sie die Diskussion mit der jeweiligen Wohnbevölkerung scheuten. An der sog. „Orientierungsversammlung“ haben sich die Anwesenden einmütig gegen die Pläne der Werkstätte in Riedbach ausgesprochen. Die an der Versammlung in Riedbach Anwesenden sowie weite Teile der Bevölkerung sind empört über das überfallartige Vorgehen der BLS mit Androhung eines Enteignungsverfahrens und ganz besonders über die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Bewohnerschaft des am meisten betroffenen Weilers Buech. Allerdings sind auch Zweifel an der Informationsbereitschaft der Stadt angebracht. Kein einziges Gemeinderatsmitglied war an der Versammlung anwesend um Fragen der besorgten Bevölkerung von Bern West zu beantworten, obwohl gemäss Aussagen von BLS-Direktor Guillelmon die Gemeinderäte eingeladen worden waren. In den Medien differieren die Aussagen zwischen dem Stadtpräsidenten und dem Finanzdirektor. Während der Stadtpräsident behauptet, die Stadt sei nie in irgend einer Art und Weise kontaktiert worden, fanden gemäss Finanzdirektor 2013 Kontakte zwischen der BLS und dem Stadtplanungsamt statt. Der Stadtplaner bezeichnete dabei den Standort der Werkstätten richtigerweise „ganz grundsätzlich als heikel und riskant“. Zudem schlug Gemeinderat Schmidt in einem Sololauf gegenüber den Medien einen alternativen Standtort weiter östlich gegenüber dem Coop-Verteilzentrum vor.

Von allen Beteiligten wurde bis jetzt unvollständig und untransparent informiert. Die vorliegende Interpellation bezweckt, die nötige Klarheit zu schaffen, wie es zu diesem Projekt gekommen ist und was die Stadt dagegen unternehmen wird. Wir bitten den Gemeinderat, folgende Fragen zu beantworten:

  1. Zu welchen Zeitpunkten fanden, genau nach Datum aufgelistet, Kontakte zwischen der BLS oder von der BLS beauftragter Personen mit dem Gemeinderat, einzelnen Direktionen oder Amtsstellen wie z.B., dem Stadtpanungsamt, dem Tiefbauamt oder der Wirtschaftsförderung statt?
  2. Wurde der Gemeinderat an den Informationsanlass der BLS vom 24. März 2015 in Riedbach eingeladen? Falls ja, warum war kein Gemeinderatsmitglied anwesend?
  3. Ist der Gemeinderat bereit, bei der BLS den Evaluationsbericht über die 21 Standorte einzufordern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
  4. In welchen Gremien betreffend das BLS-Projekt ist der Gemeinderat vertreten?
  5. Wie stellt sich der Gemeinderat zum Neubau einer Werkstätte in der Landwirtschaftszone von Riedbach und zum vom Gemeinderat Schmidt eingebrachten Alternativstandort?
  6. Inwiefern hält der Gemeinderat das Projekt konform zum eidgenössischen Raumplanungsgesetz, zum kantonalen Richtplan sowie zur städtischen Bauordnung und dem alten sowie derzeit in Bearbeitung befindenden Stadtentwicklungskonzept?
  7. Falls der Gemeinderat den Bau der Werkstätte in Riedbach ablehnt, ist er bereit, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Monsterbau in der Landwirtschaftszone zu wehren, auch wenn der Standort geringfügig verschoben würde? Welche Schritte gedenkt er zu unternehmen?
  8. Ist der Gemeinderat bereit, bei jedem Schritt die Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem QBB miteinzubeziehen?
  9. Teilt der Gemeinderat die Einschätzung der BLS, wonach das Projekt in einem Plangenehmigungsverfahren nach Eisenbahngesetz realisiert werden kann und keine Umzonung nötig ist?

Begründung der Dringlichkeit: Diesen Montag, 30. März 2015 wird der Gemeinderat mit der BLS zusammenkommen und die Situation besprechen. Es ist demnach dringend notwendig, dass der Gemeinderat rasch über die aktuelle Lage berichtet.

Bern, 26. März 2015

Digitale Kompetenzen in Stadtberner Schulen

Editorial in EVP Info 1/2015 Stadt Bern

Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sind in unserer Gesellschaft schon heute wichtig und werden in Zukunft noch wichtiger. Eine besonders zentrale Rolle spielt ICT im Bildungsbereich, wo die nächsten Generationen ausgebildet werden. Die Gefahr besteht jedoch, dass sich durch ungleiche Voraussetzungen ein „digitaler Graben“ bildet, also Unterschiede zwischen den sozialen Schichten auch bezüglich ICT-Fähigkeiten zunehmen. Ich bin deshalb überzeugt, dass digitale Kompetenzen allen Schülerinnen und Schülern in gleichem Umfang möglichst früh gelehrt werden müssen um von Anfang an die Chancengleichheit sicherzustellen.

Dies sieht auch der Lehrplan 21 vor, der den beiden Bereichen Medien und Informatik einen hohen Stellenwert beimisst. Informatik- und Medienkompetenz wird als vierte Kulturtechnik verstanden, die neben Schreiben, Lesen und Rechnen zu den Grundkompetenzen gehören, welche die Volksschule zu vermitteln hat. Konkret bedeutet dies, dass die Lernenden beispielsweise die Möglichkeiten und Risiken von sozialen Medien kennen und den bewussten Umgang damit beherrschen. Bei der Informatikkompetenz sollen die Funktionsweise von Anwendungen und die Entwicklung von kleinen Software-Programmen erlernt werden.

Wie ist nun die heutige Informatiksituation in den Berner Schulen? 2006 hat die Stimmbevölkerung den 8.5 Millionen Franken Kredit für eine neue Schulinformatik genehmigt. Mit dem Programm „base4kids“ haben die rund 8000 Stadtberner Schulkinder nun seit 2009 Zugang zu Computer und Internet. In insgesamt 46 Schulhäuser stehen zur Zeit 2100 Laptops und PCs, die mit einem pädagogischem Konzept im Unterricht eingesetzt werden. Das ist eine gute, aber nicht ausreichende Grundausrüstung für die Zukunft, denn an vielen Schulen ist der Internetanschluss noch zu langsam und sind zu wenige Arbeitsgeräte vorhanden.

Damit die junge Generation einen gleichberechtigten Zugang zur digitalen Welt erhalten kann, sind neben einer besseren Infrastruktur vor allem auch neue Lernformen notwendig. Um einen selbstbewussten Umgang mit Informatik zu gewinnen, ist es meines Erachtens wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler grundlegende Erfahrungen in der Programmierung von einfachen Anwendungen machen können. Mit zahlreichen kostenlosen Lernmittel auf www.code.org oder www.codeschool.com ist es heute möglich, die Konzepte der Software-Entwicklung spielerisch kennen zu lernen. Nutzen wir also die Chance und lassen unsere Kinder die nötigen Fähigkeiten für die digitale Welt der Zukunft erlernen!

Meine “kleine” Schwester Birgit in der Lawine am Piz Vilan gestorben

Birgit Stürmer

Vor 10 Tagen ist meine Schwester Birgit am Piz Vilan mit ihrer SAC Tourengruppe in eine Lawine geraten. Acht der neun Tourenmitglieder sind verschüttet worden, fünf sind dabei gestorben. Ein Opfer war meine “kleine” Schwester, sie war gerade mal 32-jährig. In tiefem Schmerz habe ich diese Nachricht auf Facebook veröffentlicht, die Anteilnahme war riesig:

 

Ich bin immer noch unfassbar traurig über den Tod von Bigi. Ich habe das Gefühl, nie mehr unbeschwert lachen zu können. Obwohl wir uns in den letzten Jahren nur gelegentlich sahen, so schmerzt ihr Verlust als ob mein Arm abgehackt wurde. Birgit war vor über 10 Jahren an meiner Seite, als ich in der Kirche Uetendorf geheiratet habe. Nun mussten wir vergangene Woche in der selben Kirche ihre Trauerfeier abhalten.

Ich werde Bigi immer vermissen und all die guten Erinnerungen und ihre vorbildlichen Charaktereigenschaften in meinem Herz behalten. Tröstend ist, dass auch viele ihrer Mitmenschen Birgit nie vergessen werden:

Matthias und Anitas Abschiedsworte zu Birgit

[Anita] Es ist mir ein grosses Anliegen und eine Ehre ein paar Gedanken zu Birgit mit euch zu teilen. Ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für meinen Mann Matthias, ihren Bruder.

Jede Begegnung mit Bigi hatte etwas Erfrischendes. Sie war einfach eine positive und aufgestellte Persönlichkeit. Sie ist mir aber auch immer als stille Wirkerin aufgefallen. Bescheiden und im Hintergrund hat sie überall hilfsbereit und selbstlos angepackt. Ihr grosszügiges Herz war uns allen ein Vorbild. In finanzieller Hinsicht hat sie viel an gemeinnützige Organsationen gespendet. Aber auch ihre Zeit hat sie gerne für andere verschenkt. Das können unsere drei Kinder und besonders Kai, ihr Göttibub bestätigen. Unsere Kinder durften viel mit ihr unternehmen und Schönes erleben. Birgit war aber auch eine überaus vielseitige, mutige und lebensbejahende Frau. Selbstbewusst ging sie ihren Weg und lebte zahlreiche Interessen aus, von denen ich gleich mehr erzählen werde.

Wir waren überwältigt von der riesigen Anteilnahme: In dieser Woche der Trauer und des Schocks bekamen wir hunderte Briefe, Emails, SMS und Facebook-Meldungen. Viele Nachrichten waren gefüllt mit herzlichem Beileid und tröstenden Worten, die uns sehr gut taten. Es gab aber auch viele Arbeitskollegen und Freunde, die Erlebnisse und Charaktereigenschaften von Birgit mit uns geteilt haben. Einige von diesen berührenden Sätzen möchte ich euch nun genau so vorlesen. Diese Zitate zeigen, wie vielseitig, engagiert und beliebt Birgit war.

Aus ihrem Arbeitsumfeld:

Birgit hat 2012 als eine der ersten Frauen unseren Lehrgang und die eidgenössische Berufsprüfung zur Brunnenmeisterin absolviert und ist Kollegen, Referenten und Experten in guter Erinnerung als umgängliche und absolut gewissenhafte Fachkraft, die jederzeit den vollen Respekt genoss.

Ich bin eine Arbeitskollegin von Birgit und neben dem Geschehen im Berufsleben haben wir zwei uns die Faszination fürs Bogenschiessen geteilt. Birgit war so voller Lebensfreude, immer unternehmungslustig, kameradschaftlich und hilfsbereit. Genau so wird sie mir in Erinnerung und in meinem Herzen bleiben. Und jede Eibe, die ich sehe, jeder Bogen, den ich spanne, jeder Pfeil, den ich ins Ziel fliegen lasse, werden mich an Birgit erinnern. Denn dadurch hat sie sich ebenfalls ausgezeichnet: Sie konnte standhaft sein wie ein Baum, energisch wie ein gespannter Bogen und zielgerichtet wie ein Pfeil.

Ich möchte sie als tatendurstige, energievolle Powerfrau in Erinnerung behalten.

Es ist kaum vorstellbar bei der Arbeit nie mehr Birgits Lachen im Korridor zu hören oder im März eine Einladung zum Saisoneröffnungs-Grillieren.

Birgit war ein sehr toller Mensch. Es war mir eine Ehre, sie kennengelernt haben zu dürfen und jeden Tag mit ihr zusammenzuarbeiten.

Birgit war für mich eine sehr gute Freundin und Arbeitskollegin. Jedes Mal wenn ich eine Terminverschiebung von den Laborproben hatte oder einen Qualitätswert brauchte, konnte ich auf Birgit zählen. Es war so schön mit Birgit die Brunnenmeisterschule zu machen, wir unterstützen uns immer gegenseitig, Birgit war so hilfsbereit.

Ein Geografielehrer der Kantonsschule Baden schreibt: Vor einigen Wochen hat Birgit mir und einer Schulklasse die Trinkwasserversorgung von Baden gezeigt. Sie hat das sehr gut gemacht.

Worte von Bergfreunden:

Birgit war ein aktives Vereins Mitglied der Sektion Blümlisalp und hat am Frondienst in der Blüemlisalphütte Tatkräftig mitgewirkt, auch wir werden Birgit vermissen, aber immer in guter Erinnerung behalten.

Auf meiner Baltschiederklausen-Bewartung durfte ich Birgit kennen lernen – wir hatten es sofort gut miteinander. Ja, sie liebte die Berge…und das Baltschiedertal. Im letzten Frondienst haben Birgit und die anderen guten Seelen mir so viel geholfen – war toll…und man hat das Resultat gesehen…

Worte von der Feuerwehr:

Ich kann es kaum glauben, dass Birgit, meine liebe, freundliche und aufgestellte Feuerwehr Kollegin, nicht mehr sein sollte. Wir erlebten oft lustige und fröhliche Stunden mit Birgit und zeigten immer vollen Einsatz.

In der Stützpunkt-Feuerwehr Baden durfte ich einige Uebungen mit Birgit bestreiten. Ich werde Birgit als aussergewöhnliche Persönlichkeit mit sehr hoher sozialer Kompetenz, hohem Scharfsinn und heiterem Humor in bester Erinnerung behalten.

Birgits charmante, fröhliche Art wird uns allen fehlen! Wir leisteten gemeinsam Feuerwehrdienst, wo sie jederzeit mit anpackte und sich jeder auf sie verlassen konnte. Sie war ein Teil von uns und hinterlässt eine grosse Lücke!

Birgit war eine tolle Kameradin! Ich kenne Birgit aus der Feuerwehr und wohne in unmittelbarer Nähe. Mir werden die Gespräche in der Feuerwehr fehlen, die offene und menschenliebende Art von Birgit, der Austausch zwischen den Regalen der Migros im Quartier.

Weitere Stimmen:

Es war alles so einfach mit Birgit – wir haben uns nicht gekannt und bald war es, als seien wir alte Bekannte. Sie war eine offene, unkomplizierte, liebenswerte junge Frau. Birgit hat unseren Wasserkrug am Notwasserbrunnen auf dem Münsterhof gefüllt. Von ihr weiss ich nun, dass dort Quellwasser fliesst mitten in der Stadt, zur sicheren Versorgung… auch das war Birgit.

Wir haben Birgit als sehr liebevollen und herzlichen Menschen kennengelernt und durften viele wunderbare Stunden mit ihr verbringen.

Birgit wird mich in meinem Alltag begleiten. Sie ist bei mir, wenn ich morgens aufstehe, sie ist bei mir, wenn ich aus dem Fenster schaue, sie ist bei mir, wenn ich abends einschlafe. Sie ist bei mir.

Birgit war ein sehr guter Mensch und wird für immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ich behalte Sie in sehr guter Erinnerung und muss auch manchmal schmunzeln über alles was wir zusammen erlebt haben.

Ich habe es sehr an ihr bewundert, dass sie immer das gemacht hat, wovon sie selbst überzeugt war und nicht weil jemand anderes ihr gesagt hat, sie solle das tun.

Wir haben manchen unbeschwerten und spannenden Spielabend zusammen verbracht. Ich kenne Birgit als abenteuerlustige und phantasievolle Person, stets voller Tatendrang und guten Ideen. So werde ich sie in Erinnerung behalten.

Birgit hat unsere Hochzeitstorte gemacht und sie hat sie uns zur Hochzeit geschenkt. Es war glaub ihre erste Hochzeitstorte. Eine wunderbare Torte.

Bigi hat vor über 10 Jahren auch unsere Hochzeitstorte gemacht: eine Maracuja-Mango und Himbeer-Quarktorte, sie war himmlisch!

Birgit Stürmer

EVP: das ist (auch) die *elektronische* Volkspartei!

Natürlich heisst meine Partei EVP nicht “elektronische Volkspartei”, sondern “evangelische Volkspartei”. Aber immerhin konnte ich in den letzten Jahren intern wie auch extern einige Digital-Themen in der Politik platzieren. Jüngstes Beispiel ist der Vorstoss zu mehr Open Source Software an Berner Schulen, der im obigen Berner Zeitung Artikel (siehe auch PDF) portraitiert ist. Aufgrund meiner Tätigkeit als Geschäftsleiter der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit wurde ich im vergangenen EVP Akzente zum nachhaltigen Umgang mit ICT interviewt:


Besonders gefreut hat mich, dass die EVP in ihrem neuen Parteiprogramm gleich zwei meiner digitalen Kernforderungen übernommen hat (siehe S. 59):

  • Das Öffentlichkeitsprinzip* konsequent durchsetzen. Wir unterstützen Initiativen für frei zugängliche Verwaltungsdaten (Open Government Data).
  • In der Verwaltung quelloffene Software (Open Source*) gegenüber proprietärer Software bevorzugen. Intern entwickelte Software ist unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen. [...]

Glossar

Öffentlichkeitsprinzip: Prinzip, wonach jedermann Anspruch auf Zugang zu amtlichen Dokumenten hat, sofern nicht überwiegende öffentliche der private Interessen einer Veröffentlichung entgegenstehen.
Open Source: Quelloffene Computerprogramme, die kostenlos genutzt werden dürfen

Mitschreiben an der digitalen Welt

Wer Computerprogramme schreiben kann, gestaltet die digitale Welt mit – alle anderen sind abhängige Konsumenten. Deshalb sollten am besten schon Kinder die Kulturtechnik des Programmierens lernen. Entscheidend ist ausserdem, dass wir überhaupt mitschreiben dürfen – dafür setzen sich die verschiedenen «Open»-Bewegungen ein.

Beitrag von Matthias Stürmer im UniPress 162/2014

Was ist eine Programmiersprache? Eigentlich nichts anderes als eine Schrift, mit der Menschen mit Maschinen kommunizieren können. Wie bei den menschlichen Sprachen gibt es auch viele verschiedene Programmiersprachen: alte und neue, einfache und schwierig zu erlernende, weit verbreitete und sehr selten verwendete Programmiersprachen. Das von Menschen geschriebene Programm ist der Quelltext, auch Source Code genannt. Für die Ausführung auf dem Computer wird dieser mit einem sogenannten Compiler in Maschinensprache übersetzt, die letztlich die binären Datenketten von 0 und 1 ergeben und von den Mikroprozessoren der Rechner als Software verarbeitet werden können.

Bisher waren es meist ausgebildete Informatiker und clevere Quereinsteiger, die sich beruflich oder in der Freizeit mit Software-Programmierung beschäftigt haben. Heute gibt es mit Code.org, Codeacademy.com oder Codeschool.com immer mehr Internetplattformen, mit denen auch Laien und gar Kinder selbständig programmieren lernen können. Und das macht Sinn, denn im digitalen Zeitalter sollte neben Lesen und Schreiben von herkömmlicher Schrift die Beherrschung der Mensch-Maschinen-Kommunikation – also «Programmieren» – den gleichen Stellenwert erhalten. Software ist heute so wichtig und allgegenwärtig, dass Programmieren als Kulturtechnik gelten muss. Damit werden aus Konsumenten und Zuhörerinnen der digitalen Welt Menschen, die mitschreiben und mitgestalten können – am besten ab dem Grundschulalter.

Auf freie Forschung programmiert

Aber nicht nur Kinder sollen Programmieren lernen, auch für angehende Forschende ist das Beherrschen von Programmiersprachen wichtig. In vielen Disziplinen der Naturwissenschaft wie in der Physik oder der Chemie besteht heute ein wichtiger Teil der Arbeit aus Programmieren – dem Computer Anweisungen und Regeln vorgeben, wie er Daten auszuwerten und darzustellen hat. Wohl für sämtliche Fachrichtungen ist die Visualisierung von Informationen von grossem Nutzen, seien es Statistiken, geografische Darstellungen oder dreidimensionale Abbildungen. Deshalb stehen die Vorlesungen und Seminare am Institut für Wirtschaftsinformatik rund um Datenvisualisierung und Open Data allen Studierenden offen. Dort wird unterrichtet, wie ohne Programmier-Vorkenntnisse mittels moderner Web-Technologien neue Anwendungen entwickelt werden können. Unter den rund 60 Teilnehmenden der ersten Durchführung im vergangenen Frühlingssemester fanden sich neben Betriebswirtschafts- und Informatikstudierenden auch Politologinnen, Psychologen und Sportwissenschaftlerinnen. Die resultierenden 29 Anwendungen, so genannte «Open Data Apps», sind frei zugänglich und wurden in mehreren Online-Publikationen porträtiert.

Verwendet wird in der erwähnten Lehrveranstaltung ausschliesslich Open Source Software, denn diese ist kostenlos und vollständig offen als Internet-Download zugänglich. Die Lernenden müssen keine Lizenzen kaufen, denn Open Source Software ist stets lizenzkostenfrei. Damit werden die Informatikausgaben gesenkt und gleichzeitig wird die Chancengleichheit in der Bildung verbessert. Andererseits ermöglicht diese quelloffene Software, dass der Quelltext uneingeschränkt gelesen, genutzt, verändert und weiterverbreitet werden darf. Software unter einer Open Source Lizenz wird damit zu einem öffentlichen Gut, von dem alle profitieren und zu dem alle beitragen können. Die Offenheit des Quelltextes erlaubt es ausserdem, die Funktionsweise der Programme bis ins letzte Detail zu verstehen und bei Bedarf auch zu erweitern – ein Vorteil aus pädagogischer Sicht, da Neugierde und Verständnis gefördert werden.

Software-Firmen schaffen teure Abhängigkeiten

Was aber, wenn der Quellcode nicht bearbeitet werden kann oder darf? Dann spricht man von proprietärer Software, also Programmen, die Eigentum einer bestimmten Firma sind. Microsoft Word, Adobe Photoshop, Apple-Programme und viele andere gängige Anwendungen sind Beispiele für proprietäre Software. Mit grossen Marketing- und Verkaufsbudgets, weit höher als die eigentlichen Entwicklungsausgaben, machen diese Unternehmen ihre Software-Produkte schmackhaft. Die fehlende Werbung für Open Source Software führt dann dazu, dass in vielen Fällen Schulen, Universitäten, Behörden und Private proprietäre Produkte kaufen, obwohl quelloffene Alternativen oftmals ebenso leistungsfähig sind. Mit diesem Vorgehen entstehen für die Käufer nicht nur kurzfristig hohe Ausgaben für Lizenzen, sondern die Organisationen binden sich auch immer stärker an die Software-Hersteller. Von dieser Abhängigkeit wiederum profitieren die Unternehmen und können weitere Produkte verkaufen und ihre Preispolitik fast beliebig verändern. Es ist somit kein Zufall, dass öffentliche Institutionen bei Informatikbeschaffungen die Aufträge vielfach ohne Ausschreibung freihändig an Firmen vergeben mit der Begründung, dass kein anderes Unternehmen die entsprechende proprietäre Lösung liefern könne.

Im Grunde haben wir damit eine Situation wie in vielen Entwicklungsländern, in denen die Menschen, die nicht lesen und schreiben können, abhängig sind von Schreibern, die mit ihrem geheimen Wissen und Können die schriftliche Kommunikation dominieren. Die Konsequenz für uns ist, dass durch die Fähigkeit, Computerprogramme zu schreiben und nicht bloss Knöpfe zu drücken, die digitalen Kompetenzen der Bevölkerung und damit ihre Macht im Umgang mit diesen Technologien wachsen.

Wir brauchen digitale Nachhaltigkeit

Entscheidend ist neben dem Können aber auch das Dürfen, und dazu braucht es die juristische Freiheit, welche Open Source Software und mit ihr die Vielzahl weiterer «Open»-Bewegungen schaffen. Open Source war in den 90er Jahren nämlich nur der Anfang: So werden heute beispielsweise die Millionen Seiten der Wikipedia von der breiten Öffentlichkeit erstellt und aktualisiert, ohne dass eine einzelne Firma oder Person die Kontrolle darüber hat. Mit Creative Commons Lizenzen für Texte, Bilder, Musik und Filme werden dieselben Möglichkeiten für den Umgang mit Inhalten geschaffen wie mit den Open Source Lizenzen bei der Entwicklung von Software. Und das Open Data-Prinzip macht öffentlich finanzierte Behördendaten und andere Informationen, sofern sie nicht den Datenschutz verletzen oder sicherheitsrelevant sind, frei zugänglich.

Diese und weitere Arbeitsweisen werden als Umsetzungen des Konzepts der «digitalen Nachhaltigkeit» verstanden. Die Brundtland Kommission hat 1987 den Begriff «nachhaltige Entwicklung» definiert: Nachhaltig ist eine Entwicklung, «die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.»

Diese Überlegungen zur nachhaltigen Entwicklung in der physischen Welt können auch in den digitalen Kontext übertragen werden. Allerdings erfordern die unterschiedlichen Eigenschaften dieser zwei Welten ein Umdenken. Während der Gebrauch von physischen Ressourcen stets rivalisierend ist und zu Abnutzung und letztendlich zu Verbrauch führt, verursacht die Nutzung von digitalen Gütern keine Verringerung. Wie das Beispiel der proprietären Software zeigt, können jedoch auch bei digitalen Ressourcen Nutzer ausgeschlossen werden. Gleiches gilt bei Inhalten wie Musikstücken, deren Abspielen beispielsweise mittels digitaler Rechteverwaltung (englisch Digital Rights Management oder kurz DRM) nur begrenzt möglich ist. Bei geschlossenen Datenformaten verhält es sich ähnlich: Zwar könnten die Informationen beliebig oft genutzt, verändert und vervielfältigt werden, jedoch ist deren Struktur mittels geheimgehaltener Codierung nicht zugänglich, ohne dass man dafür teure Programme kauft. Digitale Nachhaltigkeit bedeutet somit freien Zugang zu den Daten (Open Data), zur Datenspezifikation (Open Standards), zur Methode, um die Daten zu lesen (Open Source Software) und zum Datenspeichermedium sowie dem physischen Gerät, um die Daten abzuspielen, das heisst, in eine für Menschen verständliche Form zu bringen (Open Hardware).

Eine Schallplatte im All

Ein historisches Beispiel digitaler Nachhaltigkeit stellen die goldenen Schallplatten dar, die 1977 an Bord der zwei Voyager-Sonden in den Weltraum geschossen wurden. Diese Golden Records bestehen aus vergoldeten Kupferscheiben und haben damit eine geschätzte physische Lebensdauer von mehreren hundert Millionen Jahren. Auf ihrer Oberfläche ist unter anderem mittels ausgeklügelter Skizzen und binärer Zeichen beschrieben, wie die Schallplatte abzuspielen ist, um die darauf gespeicherten Bilder anzusehen und die Töne zu hören. Damit werden alle erwähnten Kriterien der digitalen Nachhaltigkeit erfüllt.

So sollte es ausserirdischen Lebewesen möglich sein, auf diese Informationen zuzugreifen und damit wichtige Anhaltspunkte über das Sonnensystem, die Erde, die Menschen und unsere Lebensweise zu erfahren – sofern sie über Detektoren für elektromagnetische Strahlung (Augen) und akustische Schwingungen (Ohren) verfügen. Ausgerüstet mit diesen «digital nachhaltigen» Schriftstücken fliegen die Raumsonden inzwischen Milliarden von Kilometer ausserhalb des Sonnensystems immer weiter weg – um dann und wann im Abstand von zehntausenden von Jahren mehr oder weniger nahe an anderen Sternen vorbeizukommen.

Kontakt: Dr. Matthias Stürmer, Institut für Wirtschaftsinformatik, Leiter Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeitmatthias.stuermer@iwi.unibe.ch

Interviews, Vortrag und Paper zu digitaler Nachhaltigkeit

Nach gut einem Jahr Aufbauarbeit konnte im August 2014 die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit endlich mit eigener Website und mit offizieller Medienmitteilung der Universität Bern richtig lanciert werden. Seither gabs Berichte (Der Bund, 4. September 2014) und Interviews (Swisscom-Blog, 2. Oktober 2014) über die Stelle und das Thema, was mich sehr freute (ein weiteres Interview ist in Produktion).

Heute hielt ich an der Semantic MediaWiki Conference in Wien ausserdem den Vortrag “Digital sustainability of open source communities“, in dem ich die 6 Charakteristiken aus dem kurzen ICEGOV 2014 Paper “Characteristics of Digital Sustainability” vorstellte. Urs Binggeli trug zum Vortrag die geniale Idee bei, die Voyager Golden Record mit dem Konzept der digitalen Nachhaltigkeit zu verbinden:

Das waren die Folien des Vortrags:

Kritische Frage an Berner Gemeinderat betreffend Gurlitt-Erbe fürs Kunstmuseum

Kleine Anfrage Matthias Stürmer, EVP: Gurlitt-Erbe fürs Kunstmuseum

8. Mai 2014

In der Presse ist zu lesen, dass der Kunsterbe Cornelius Gurlitt seinen millionenschweren umstrittenen Bilderschatz dem Kunstmuseum in Bern vermacht hat. Der Wert der Bilder von Claude Monet, Edouard Manet, Pablo Picasso und weiteren bekannten Künstlern wird auf eine hohe zweistellige Millionensumme geschätzt. Allerdings muss davon ausgegangen werden, dass Werke daraus der Raubkunst zuzuordnen ist sowie Herr Gurlitt an der Vermarktung von Raubkunst direkt beteiligt war und damit die Finanzierung des Nazistaats begünstigt hat.

Wie gedenkt der Gemeinderat mit dieser Situation umzugehen? In wiefern kann der Gemeinderat bewirken, dass das Kunstmuseum keine Werke annimmt, die der Raubkunst zuzuordnen sind? Ist der Gemeinderat gewillt dies zu tun?