Meine letzten Worte (im Berner Stadtrat)

Das war sie also, meine letzte Stadtratssitzung! Hier noch meine Abschiedsrede, die heute im Berner Stadtrat verlesen wurde:

Liebe Ratskolleginnen und Ratskollegen, liebe Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, liebe Gäste

Nun ist es soweit, ich bin dran mit dem Rücktritt und mit meinen (fast) letzten Worten:

Es war mir eine Ehre, die letzten acht Jahre als EVP-Stadtrat im Bernischen Stadtparlament innerhalb der GFL/EVP-Fraktion ‘rumgestürmt’ zu haben. In dieser Zeit habe ich enorm viel gelernt, wie Politik funktioniert, wie man Vorstösse und Anträge erstellt und Erfolg damit hat, aber auch wie man sich für ein Anliegen engagiert und am Schluss die Abstimmung verliert. Fast wie beim Sport, man lernt auch in der Politik innerhalb kurzer Momente gewinnen und verlieren – obwohl wir beim Fussball ja momentan nur Siegen ;)

Aber wie der Profisport braucht auch Politik viel Zeit: für Ratssitzungen, Kommissionssitzungen, Fraktionssitzungen, Parteisitzungen, Sitzungen vorbereiten, Reden schreiben, Wahlkampf usw. Da ich momentan an der Uni Bern ein Team mit 20 Leuten führen darf und dennoch ab und zu mal zu Hause meine Familie sehen möchte, habe ich mich entschieden, vorerst eine Politik-Pause einzuschalten.

Rückblickend bin ich sehr dankbar für die spannende Zeit im Berner Stadtrat. Nirgends sonst habe ich so viele spannende und unterschiedliche Menschen kennengelernt wie hier im Berner Parlament! Auch wenn wir logisch nicht immer der gleichen Meinung sind, finde ich doch, dass jede und jeder mit einem guten Grund hier drin sitzt: Weil wir uns für das Wohl unserer Stadt engagieren wollen, weil wir nicht bloss meckern über das was nicht läuft, sondern weil wir uns Zeit nehmen Lösungen zu finden und Kompromisse zu schliessen.

Neben den ganzen politischen Geschäften hat es mich aber auch immer wieder fasziniert, auf Stadtratsausflügen, Besichtigungen oder Cüpli-Events viele Stadtratsmitglieder von der persönlichen Seite kennenzulernen. Es sind echte Freundschaften entstanden mit Menschen, mit denen ich auch gerne mal in der Freizeit zusammen bin.

An einen tragischen, aber umso berührenderen Moment erinnere ich mich immer wieder: Als meine Schwester vor 5 Jahren bei einer Lawine starb. Ich erhielt von zahlreichen Ratskolleginnen und -kollegen, von der eigenen Fraktion und auch von anderen Fraktionen sehr ermutigende Beileidsschreiben. Das hat mir viel bedeutet und bleibt mir in Erinnerung.

Zum Schluss wünsche ich euch drei Dinge: Erstens, dass ihr respektvoll miteinander umgeht und einander wertschätzt, auch wenn der oder die andere wiedermal überhaupt nicht kapiert um was es bei eurem doch so wichtigen Anliegen geht. Zweitens, dass ihr euch fokussieren könnt auf die wirklich wichtigen Geschäfte und Diskussionen und dazu vielleicht auch mal auf einen Vorstoss oder ein Votum verzichtet (meine drei heute einzureichenden Motionen sind zum Beispiel enorm wichtig…). Und Drittens, dass ihr bei den städtischen Informatikgeschäften weiterhin ein Auge auf die Abhängigkeiten von IT-Firmen habt und dabei an die Lösung – was wohl?? – «Open Source» denkt! ;)

Ernsthaft: Falls mal wieder Fragen oder Probleme zu einem Digitalisierungsthema auftauchen (beispielsweise Schulinformatik…) oder jemand eine kritisch-konstruktive Beurteilung eines Informatikvorhabens möchte, stehe ich allen gerne jederzeit zur Verfügung. Und natürlich freut es mich auch sonst, euch bald wiedermal an einem Event, in der Beiz oder sonst irgendwo zu sehen – man trifft sich ja bekanntlicherweise mindestens zweimal im Leben!

Politik-Pause

Medienmitteilung der EVP Stadt Bern

In den letzten Monaten reifte der Gedanke, dass es Zeit für eine Politik-Pause ist. Mit einem spannenden Job an der Uni Bern, wo ich forschen, dozieren und ein Team von 20 Mitarbeitenden führen sollte, mehreren Verbandstätigkeiten sowie einer Familie mit drei Kindern, blieb in letzter Zeit neben den regulären Stadtrats- und Kommissionssitzungen wenig Kapazität für zusätzliches politisches Engagement. So habe ich mich entschieden, per Ende Oktober 2019 aus dem Stadtrat zurückzutreten.

Einerseits freue ich mich, künftig etwas mehr Raum für meine Aufgaben an der Universität sowie mehr Flexibilität für meine Familie zu haben. Andererseits ist der Rücktritt aus dem Stadtrat auch ein Loslassen von einer Tätigkeit, die ich in den letzten acht Jahren mit grosser Leidenschaft ausgeübt habe. Die vielen politischen Geschäfte und Vorstösse, aber auch die unzähligen spannenden Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen sind eine grosse Bereicherung gewesen. Gerne blicke ich auf zahlreiche Momente zurück, beispielsweise gleich auf den Start im Stadtrat.

Es kommt mir vor, als wär’s erst gestern gewesen: Ausgerechnet an meiner ersten Stadtratssitzung am 20. Oktober 2011 wurde ein Vertrag mit Microsoft von CHF 330’000 behandelt. Durch gutes Coaching meiner Fraktion (und natürlich ein bisschen Anfänger-Bonus ;) ) konnte ich den Stadtrat von der Ablehnung dieses fraglichen Geschäfts überzeugen – obwohl es von der Kommission vorgängig einstimmig zur Annahme empfohlen wurde. Die damals zuständige Gemeinderätin Barbara Hayoz war ziemlich entrüstet über diese unerwartete Niederlage. Mir zeigte das Beispiel vom ersten Tag an, dass man in der Politik tatsächlich etwas bewegen kann.

Informatik und Open Source waren in den folgenden Jahren auch meine politischen Schwerpunkte im Stadtrat. Verschiedene weitere Geschäfte und Vorstösse dazu folgten – einige kamen durch, andere wurden abgeschmettert. Gerade diese Dynamik von Erfolg und Misserfolg zeigte mir, mit persönlichen Siegen und Niederlagen umzugehen – wohl ähnlich wie bei sportlichen Wettkämpfen. Des Weiteren lernte ich in der Zeit als Stadtrat mit Menschen mit ganz anderen politischen Meinungen respektvoll zu diskutieren und bei gemeinsamen Themen auch zusammenzuarbeiten. Entscheidend war letztlich immer, eine Mehrheit für ein Anliegen zu schaffen. Diese Erkenntnis sowie die viele Übung beim frei Reden und beim Moderieren sind wertvolle Erfahrungen, die mir heute bei Sitzungen an der Uni oder in Vorständen helfen meine Positionen gut zu vertreten.

So blicke ich mit grosser Dankbarkeit auf die Zeit als Stadtrat zurück, freue mich auf die freien Abende und warte gespannt, wie meine politische Zukunft bei der EVP aussehen wird.

1. August-Rede in Büren an der Aare

Dieses Jahr hatte ich die Ehre, in Büren an der Aare die 1. August-Rede 2019 zu halten. Hier meine gestrigen Worte:

Sehr geehrte Gemeinderäte, sehr geehrte Einwohnende von Büren, liebe Gäste

Ich fühle mich sehr geehrt, als Berner Stadtrat von Ihnen eingeladen zu werden. Ich deute das als Zeichen der Versöhnung: Denn wie Sie sich vielleicht erinnern, hat die Stadt Bern 1388 das schöne Städtchen Büren an der Aare erobert. So hoffe ich, falls da noch ungute Gefühle sind, dass diese historische Vergangenheit mit dem heutigen Abend christlich vergeben ist.

Wie Sie wissen bin ich von der EVP, der “elektronischen Volkspartei”. Darum werde ich heute Abend über Digitalisierung reden. Andererseits steht das “E” ja eigentlich für “evangelisch”. Darum werde ich mit dem Thema “Dankbarkeit” einen zweiten, mir wichtigen Punkt aufgreifen.

Digitalisierung

Wir befinden uns in einem Zeitalter von unglaublichen technologischen Veränderungen. Alles passiert enorm schnell. Die Digitalisierung kann niemand aufhalten. Seit erst 12 Jahren gibt es Smartphones, heute haben praktisch alle eines.

Dramatisch ist auch den Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Noch vor wenigen Jahren ist es undenkbar gewesen, was heute Informatik für uns leistet. Die Computer sind heute nicht nur erfolgreicher im Schach spielen oder beim Pokern. Diese Woche wurde bekannt, dass eine grosse amerikanische Bank künftig einen Algorithmus braucht um Werbetexte zu schreiben. Man hat herausgefunden, dass die Texte von der künstlichen Intelligenz erfolgreicher gewesen sind als die von Marketing-Profis.

“Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert” Das ist die Prognose für die digitale Zukunft. Möglich ist das durch maschinelles Lernen, Machine Learning. Damit kann man Sprachen mit dem Smartphone erkennen, Röntgenbilder in der Medizin verstehen, mit Gesichtserkennung die Flughäfen sicherer machen oder selbstfahrende Autos steuern.

Solche selbstlernenden Computer können sehr praktisch sein. Ein Beispiel aus meinem Alltag an der Uni Bern: Für Übersetzungen brauche ich seit einigen Monaten DeepL. Dieser gratis Übersetzungsservice ist so gut, dass ich manchmal Sätze auf Englisch schreibe, sie von DeepL auf Deutsch übersetzen lasse, dann diesen Satz wieder mit DeepL zurück auf Englisch übersetze – und dann ist der neue englische Satz manchmal besser formuliert als mein ursprünglicher Satz. Dafür bin ich sehr dankbar!

Eigentlich ist das alles nichts Neues: Die mathematischen Grundlagen für künstliche Intelligenz gibt es schon seit den 1950er Jahren. Es hat aber bis jetzt die benötigte Rechenleistung gefehlt. Und man hat zu wenige Daten gehabt.

Heute ist das anders: Was denken Sie, wie viele Daten gibt es heute auf der Erde? – Man schätzt, dass es rund 33 Zettabyte sind. Was ist ein Zettabyte? Das ist eine 1 mit 21 Nullen. Oder für die, die es gerne etwas technischer mögen: Sie kennen Megabytes, danach folgen Gigabytes, dann Terrabytes, dann Petabytes, dann Exabytes und dann Zettabytes. Einfach unglaublich viele Daten. Und der Datenberg wächst laufend weiter: Bis im Jahr 2025 werden 175 Zettabyte erwartet, noch einmal fünfmal mehr als heute.

Industrie 4.0

Was hat jetzt all diese Technik mit der Schweiz und dem 1. August zu tun? Sehr vieles. Die fortschreitende Digitalisierung ist eine Chance für unser Land, aber sie löst auch viele Ängste aus. Man redet von der 4. industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, nach der Elektrifizierung und nach der Erfindung des Computers sagt man der heutigen Zeit “Industrie 4.0″.

Es geht um die grundlegende digitale Transformation der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft. Alles wird vernetzt. Überall werden digitale Geräte eingesetzt. Das verändert die Arbeitswelt enorm. Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Das macht verständlicherweise Angst.

Auch das ist aber nicht neu: Im 19. Jahrhundert haben die sogenannten Maschinenstürmer die Fabriken mit den Webmaschinen abgebrannt. Heute werden wegen 5G Mobilfunkmasten gesprengt, wie kürzlich in Morges passiert. Das ist auch eine Form des Widerstands gegen die Digitalisierung. Aber er ist zwecklos.

Niemand bleibt verschont. Auch bei uns an der Uni gibt es grosse Veränderungen. YouTube ist eine Ursache davon. Eine Vorlesung unterrichte ich seit kurzem mit YouTube-Videos. Das ist praktisch, aber es hat auch viel Umdenken als Dozent gebraucht.

Daher lautet meine Empfehlung: Flexibel sein, positiv reagieren, die neuen Möglichkeiten kennenlernen und nutzen. Weil manchmal ergeben sich gerade aus unerwarteten Veränderungen neue Chancen.

Chancen packen

Sie als Bürerinnen und Bürer können das. In den nationalen Medien hat man Anfangs Juli lesen können, dass ein Kornkreis hier in Büren ist entdeckt worden. Das hat natürlich einen Schaden beim Weizen verursacht. Aber die betroffenen Bauern sind schlau gewesen und haben ein Kässeli für die Besuchenden aufgestellt. Ich finde das sehr clever: unternehmerisches Denken praktizieren, dort wo andere sich über den Schaden beklagt hätten.

Dies ist auch bei der Digitalisierung die richtige Antwort: Jede Veränderung hat Chancen. In einem Monat, am 3. September, findet der Digitaltag statt. An diesem Tag werden für die Bevölkerung überall in der Schweiz Hunderte von Anlässe, Vorträgen und Workshops zu Digitalisierungsthemen stattfinden. Das Motto des Tages lautet “Lifelong Learning”, lebenslanges Lernen. Das ist eine weitere wichtige Voraussetzung, dass wir die 4. Industrielle Revolution gut überstehen: Dass wir uns das Leben lang weiterbilden. Das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten ist gross und wächst ständig.

Generell denke ich, dass wir in der Schweiz für die Veränderungen durch die Digitalisierung gut aufgestellt sind: Wir haben mit der direkten Demokratie ein ideales politisches System, eine hohe Beschäftigung, stabile Sozialwerke und gute Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Kurz gesagt, wir können dankbar sein hier in diesem Land zu leben.

Dankbarkeit

Dankbarkeit, was ist das eigentlich? Ein positives Gefühl? Ein Weg zum glücklich werden? Im Internet kann man lesen: “Dankbarkeit macht gesund, leistungsfähig, ausgeglichen und stärkt Beziehungen”. Auch in der Bibel steht, dass Dankbarkeit glücklich macht: “Seid dankbar in allen Dingen”

Selbst die Wissenschaft hat erwiesen, dass Dankbarkeit nicht nur andere ermutigt, sondern dass man sich auch selber glücklicher fühlt, wenn man dankbar ist. Das Fazit einer Studie ist, dass man mit Dankbarkeit sich selber und andere glücklicher macht und dass man dabei nicht Angst vor Peinlichkeiten haben sollte. Fangen wir also bei uns selber an und sagen es anderen, dass wir sie wertschätzen.

Gleichzeitig ist Dankbarkeit nicht selbstverständlich. Häufig jammern wir und beklagen uns über das, was nicht gut läuft. Wir haben Selbstmitleid oder noch schlimmer: Wir sind neidisch auf andere, weil wir denken, dass es denen ja viel besser geht. Eine Forscherkollegin hat nachgewiesen, dass Facebook tendenziell neidisch und unglücklich macht. Man sieht all die tollen Ferienfotos, die glücklichen Familienbilder oder Erfolgsgeschichten seiner Freunde und wird dann entsprechend eifersüchtig. Man vergisst sozusagen, für was man selber dankbar sein könnte.

Dankbarkeit ist zwar nicht selbstverständlich – aber man kann es trainieren. Meine Frau Anita hat da eine clevere Lösung gefunden. Seit einem Jahr schreibt sie sich ab und zu in ein Büchlein, für was sie dankbar ist. Nur ein paar Stichworte. Sie hat schon über 200 Einträge drin. So übt sie für sich einen dankbaren Lebensstil.

Dankbar für meine Familie

Persönlich bin ich sehr dankbar für meine Familie, für Anita, für unsere drei Kinder, für meine Arbeitsstelle, für meinen Freundeskreis, für die Stadt Bern, für die Schweiz, für unser politisches System. Natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was in der Politik geschieht. Aber im Grunde kann ich nach bald 8 Jahren im Berner Stadtrat doch sagen, dass fast alle Politikerinnen und Politiker gute Absichten haben – aber halt einfach unterschiedliche Wege sehen, was man tun sollte.

Und doch gibt es manchmal Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. Umweltzerstörung, Krieg, Terror. Aktuell ist der Tötungsfall im Frankfurter Bahnhof. Besonders schlimm sind Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Solche Ereignisse werfen Fragen auf, für die es keine Antworten gibt.

Ich habe vor viereinhalb Jahre meinen Tiefpunkt gehabt. Es ist tiefer Winter gewesen, der 31. Januar 2015. Meine Schwester ist damals auf einer SAC-Skitour durch eine Lawine gestorben. Das ist bis heute mein schlimmstes Erlebnis gewesen. Und trotzdem hat es auch in dieser Situation Lichtblicke gegeben, für die bin ich dankbar gewesen: Meine Frau und meine Kinder haben mich unterstützt. Die grosse Anteilnahme vieler Freunde und Bekannte. Die heute gute Beziehung zu meinen Eltern. Wir stürmen nicht mehr um Belangloses. Ich kann sagen, die Beziehungen in unserer Familie sind durch das tragische Unglück gewachsen. Wir schätzen einander mehr als vor diesem schlimmen Ereignis. Das Beispiel zeigt, dass man auch in solchen dunklen Momenten Gründe für Dankbarkeit finden kann.

Ich möchte Sie ermutigen für die Zukunft von Büren, vom Kanton Bern, von der Schweiz, von dieser Welt. Zeigen wir unseren Mitmenschen Wertschätzung und Dankbarkeit. Seien wir zufrieden mit dem was wir haben. Aber lasst uns nicht selbstzufrieden werden, nicht bequem oder faul. Sondern bleiben wir am Ball und stellen uns den Veränderungen von dem Leben!

So bin ich dankbar für den heutigen analogen Abend, fürs schöne Wetter, fürs feine Essen – spendiert von der Gemeinde Büren – für die Musik, fürs 1. August Feuer, für die gute Stimmung, fürs Zusammensein.

Häbet e guete Abe miteinander!

No security by obscurity!

«No security by obscurity» ist ein wichtiger Grundsatz in der modernen Kryptographie, der auf einer bereits 1883 publizierten Arbeit des niederländischen Linguisten und Kryptologen Auguste Kerckhoffs basiert. Die Aussage «Keine Sicherheit durch Verschleierung» besagt, dass die Sicherheit eines Verschlüsselungsverfahrens besser auf der Geheimhaltung des Schlüssels beruht anstelle auf der Geheimhaltung des Verschlüsselungsalgorithmus. So ist es bekanntermassen einfacher, einen Schlüssel (ein langes Passwort) geheim zu halten als einen Algorithmus (ein kurzes Computer-Programm). Und falls der Schlüssel doch einmal in falsche Hände geraten sollte, kann er einfacher durch einen neuen Schlüssel ersetzt werden als dass ein Algorithmus neu programmiert wird. Der transparente Quellcode eines Algorithmus hat ausserdem den Vorteil, dass Fachleute besser Fehler und Schwachstellen identifizieren können. Damit wird auch die Gefahr minimiert, dass jemand eine versteckte Hintertür («Backdoor») einbauen kann.

Nach diesem Transparenz-Prinzip «No security by obscurity» sind alle modernen asymmetrische Kryptosysteme (Public Key-Verschlüsselungsverfahren, Public Key-Authentifizierung, digitale Signaturen) entwickelt, die heute überall in der Informatik angewendet werden: Verschlüsselung von Emails, sichere Kommunikation im Webbrowser (mittels HTTPS – Hypertext Transfer Protocol Secure), signierte PDFs, Kryptowährungen wie Bitcoin und andere Blockchain-Anwendungen, usw. Bei all diesen Verfahren ist der Quellcode der Verschlüsselungsverfahren zwar offen zugänglich, aber der eigentliche Schlüssel (das Passwort) bleibt geheim.

Neben diesen technischen Grundlagen ist aber auch immer der «Faktor Mensch» entscheidend, ob die Sicherheit im Unternehmen und bei Behörden gewährleistet ist oder nicht. So zeigen die spannenden Beiträge dieser neuen FOCUS-Ausgabe, dass alle technischen Massnahmen nichts nützen, wenn die Mitarbeitenden nicht genügend zu IT-Security ausgebildet und auf aktuelle Gefahren sensibilisiert sind (siehe Seite 9: «Warum technische Massnahmen alleine nicht ausreichen, um die IT-Sicherheit meines Unternehmens zu gewährleisten»). Auch ist es entscheidend zu verstehen, wie die Dynamik des Darknet funktioniert, was böswillige Hacker antreibt und welche Gegenmassnahmen möglich sind (siehe Seite 13: «Grüsse aus dem Darknet von ‹Petya›, ‹WannaCry› und Co.»). Ein praktisches Beispiel, wie offene Standards in Sicherheits-Systemen einen Mehrwert schaffen und Herstellerabhängigkeiten reduzieren, zeigt die Schaffung einer Interessensgemeinschaft von Offline-RFID Endanwendern (siehe Seite 28: «Zutrittssysteme: Ein Offline-Zutritts-Standard ist gefordert»). Zahlreiche weitere Beiträge des vorliegenden FOCUS behandeln ausserdem die neuen Entwicklungen beim Datenschutz, insbesondere der neuen EU Datenschutzgrundverordnung (DSGVO, siehe Seiten 5 «Ein Überblick über die laufenden Datenschutzrevisionen in Europa und der Schweiz» und Seite 7 «Handlungsbedarf für Schweizer Firmen und Organisationen».)

Die DSGVO war auch an der diesjährigen tcbe.ch Generalversammlung ein wichtiges Thema, als Dr. Monique Sturny von Walder Wyss AG die Auswirkungen der neuen EU-Gesetzgebung auf Schweizer Unternehmen aufzeigte. Daneben lief viel beim tcbe.ch in den letzten 12 Monaten: wir führten einen Abendanlass zu Smart City und Open Government im September 2017 durch, veranstalteten einen Event zum Internet der Dinge im Oktober 2017, feierten im November 2017 das 20-jährige Jubiläum des tcbe.ch und starteten mit Scratch-Programmierkursen für Kinder und Jugendliche ins 2018. Auch bereits im aktuellen Jahr führten wir einen Abendanlass zur Rolle des Menschen in der Digitalisierung durch und organisierten um 7 Uhr früh den ersten Digital Morning zum Thema Augmented und Virtual Reality im Bauwesen.

Als Präsident des tcbe.ch freut es mich, nun mit 14 Kolleginnen und Kollegen im Vorstand und insbesondere mit Rebeca Sanchez als neue Office Managerin die Zukunft des tcbe.ch zu gestalten. Bald schon werden wir diesbezüglich ein neues Kapitel beginnen: Wie bereits an der diesjährigen Generalversammlung angetönt, wollen wir uns als tcbe.ch einen neuen, zeitgemässen Namen und einen komplett überarbeiteten visuellen Auftritt geben. Wir freuen uns deshalb, Ihnen am diesjährigen Digitaltag am Donnerstag, 25. Oktober 2018 den neuen Namen inklusive Logo und Website vorzustellen – die Einladung folgt!

Meine Smartvote-Antworten zur Digitalpolitik des Kantons Bern

Mit grosser Freunde habe ich festgestellt, dass Smartvote bei den Grossratswahlen 2018 erstmals 5 wichtige Fragen bezüglich Digitalpolitik des Kantons Bern gestellt hat. Die die Smartvote-Profile der Kandidierenden erst Ende Januar 2018 aufgeschaltet werden hier vorweg meine Antworten inklusive entsprechender Begründung warum ich JA oder NEIN angegeben habe (bin gespannt auf Feedback und andere Reaktionen in den Kommentaren):

1. Soll der Kanton Bern die elektronische Stimmabgabe bei Wahlen und Abstimmungen (E-Voting) flächendeckend einführen?
JA: E-Voting ist eine Notwendigkeit für Auslandschweizer, damit diese ihre demokratischen Rechte wahrnehmen können. Gleichzeitig sollten Auslandschweizer gegenüber den im Kanton Bern wohnhaften Stimmberechtigten nicht bevorzugt werden. Deshalb ist eine flächendeckende elektronische Stimmabgabe sinnvoll. Wichtig ist, dass die E-Voting Plattform auf einer Open Source Lösung wie die des Kantons Genf basiert, sodass die Stimmenzählung und die weiteren Verarbeitungsschritte nachvollziehbar sind.

2. Durch Digitalisierung und Automatisierung werden viele Arbeitsplätze gefährdet. Soll der Kanton Bern betroffene Personen durch die Finanzierung von Umschulungen und Weiterbildungen verstärkt unterstützen?
JA:
Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt grundlegend sodass zahlreiche Arbeitsplätze verschwinden und ganze Berufsbilder sich grundlegend verändern werden. Gleichzeitig entstehen neue Stellen, die aber oftmals gute Informatikkenntnisse oder zumindest fundierte Anwenderfähigkeiten voraussetzen. Diese können durch Umschulungen und Weiterbildungen erlernt werden, weshalb eine öffentliche Förderung (wie bei der Ausbildung) volkswirtschaftlich Sinn macht.

3. Der Wettbewerb in verschiedenen Branchen wurde durch Online-Vermittlungsdienste (z.B. Airbnb, booking.com, Uber) verschärft. Sollten diese Dienste vom Staat strenger reguliert werden?
NEIN: Die Digitalisierung lässt sich nicht stoppen, weder in der Hotellerie noch im Taxiwesen. Deshalb macht es wenig Sinn, bestimmte Branchen vor der technologischen Entwicklung zu ‘schützen’. Viel besser wäre es, wenn sich Verbände dafür einsetzen würden, selber benutzerfreundliche Online-Angebote für ihre Mitglieder aufzubauen. So würde der Profit dieser digitalen Plattformen nicht ausländischen Unternehmen zufallen sondern in der Branche bleiben. Die Förderung solcher Initiativen wäre sinnvoll.

4. Soll die Netzneutralität (gleichberechtigte Datenübertragung aller Angebote im Internet) per Gesetz verankert werden?
JA: Beim Thema Netzneutralität ist es wichtig zu verstehen, dass es (in der Schweiz) vor allem um die kommerzielle Gleichberechtigung der Online-Angebote geht. Wenn bspw. Sunrise den Whatsapp-Traffic nicht zum limitierten Datenvolumen zählt (Zero-Rating), dann benachteiligt dies Apps wie Threma oder Signal und bremst somit Wettbewerb und Innovation. Eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität ist nötig um das freie Internet zu schützen und innovative Startups nicht zu benachteiligen.

5. Sollte die Vermittlung digitaler Kompetenzen (IT- und Programmierkenntnisse) bereits auf der Primarschulstufe gegenüber anderen Fächern deutlich gestärkt werden?
JA: Der Lehrplan 21 sieht im Modul “Medien und Informatik” vor, dass Kinder und Jugendliche in der Volksschule lernen was Algorithmen sind und wie Computer generell funktionieren. Das ist richtig so, denn diese Fähigkeiten sind entscheidend für die Job-Chancen der nächsten Generation und damit für die Zukunft unserer Wirtschaft. Heute gibt es bspw. mit der visuellen Programmierumgebung Scratch eine praktische Lernumgebung, wie der Umgang mit Programmierkonzepten spielerisch erlernt werden kann.

Warum künftig alle Kinder programmieren lernen werden

Beitrag für die neue EVP Info Stadt Bern Ausgabe

Der Apfel fällt wohl tatsächlich nicht weit vom Stamm: Seit drei Jahren programmiert unser Lionel (bald 12) regelmässig mit Scratch, einer visuellen Programmiersprache, die seit über zehn Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt wird. Mit Scratch können Spiele, Geschichten, Simulationen und viele weitere Programme geschrieben werden. So erlernen Kinder und Jugendliche spielerisch Algorithmen und die Kommunikation mit dem Computer – denn Programmiersprachen sind vergleichbar mit menschlichen Sprachen.

Aber wäre es nicht besser, wenn Kinder eher weniger Zeit am Bildschirm verbringen würden? Zudem können ja nicht alle Informatiker werden, auch noch andere Berufe werden gebraucht. Das stimmt natürlich, aber es sagt ja auch niemand, dass alle ein Leben lang nur noch programmieren sollen. Es befürchtet doch auch niemand, dass alle Kinder z.B. Schriftsteller werden müssten, nur weil in der Schule Schreiben unterrichtet wird.

Der Lehrplan 21, der diesen Sommer im Kanton Bern in Kraft tritt, gibt eine sinnvolle Richtung vor: Zur Vorbereitung auf die fortschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft sollen in der Schule neben Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen auch erste Programmierfähigkeiten vermittelt werden. Dadurch erschliesst sich den Kindern das kreative Potential der Informatik, sie können in der digitalen Welt mitreden und haben grössere Chancen bei der Stellensuche.

Andererseits erfahren sie auch die Grenzen und Risiken dieser Technologien. Denn Computer-Anwender müssen sich bewusst sein, dass es z.B. keine «Cloud» gibt, die magisch Daten speichert, sondern dass persönliche Fotos, Emails oder Gesundheitsdaten irgendwo auf Servern von Apple, Google etc. gespeichert sind. Erst wenn ein technisches Grundverständnis vorhanden ist, kann die Bedeutung von Datensicherheit und Privatsphäre verstanden werden. Und nur wer erkennt, wie komplex und anspruchsvoll Software-Entwicklung ist, wird einsehen, warum es immer Programmierfehler und Sicherheitslücken geben kann.

Diese Erkenntnis darf nicht nur Söhnen von Uni-Dozenten vorbehalten bleiben: Alle Kinder brauchen Informatikkompetenzen! Der Lehrplan dazu steht, aber noch fehlt vielerorts die nötige Infrastruktur. Die kommende WLAN-Erneuerung und die Computer-Beschaffung base4kids 2 der Stadtberner Schulen sind darum wichtige Schritte. Auch wenn sie wohl einen hohen Millionenbetrag erfordern werden, dürfte dies eine gut investierte Ausgabe für unsere digitale Zukunft sein.

Am 27. Januar 2018 geben Lionel und ich zum zweiten Mal einen Scratch Einführungskurs. Programm, Voraussetzungen und alle weiteren Infos auf der Website des tcbe.ch ICT Cluster Bern.

Scratch-Workshop durchgeführt – und der nächste ist schon in Planung

Heute führten Lionel und ich unseren ersten gemeinsamen Scratch-Workshop durch. Mit sieben Jungs, zwei Papis und Lionels Grosspapi (ja, an der Diversity arbeiten wir noch… ;) verbrachten wir einen spannenden Hacker-Nachmittag. Dank Googles Computer Science First Programm lösten wir coole Game-Aufgaben, jeder in seinem Tempo. Am Mittag war Pizza angesagt – logisch, die Jungen müssen optimal für die schnellebige Arbeitswelt vorbereitet werden.

Die Feedbacks waren derartig positiv und die Zusammenarbeit hat so gut funktioniert, dass Lionel und ich beschlossen, am Samstag, 27. Januar 2018 gleich nochmal so einen Scratch Einführungs-Kurs am Institut für Wirtschaftsinformatik anzubieten. Der Workshop beginnt dann wiederum um 10h, wird aber bis 16h dauern, da wir merkten, dass die letzte Stunde eigentlich die produktivste war. Auch sonst werden wir noch einige Dinge verbessern. Wir freuen uns somit auf eure Anmeldungen – eine erste ist bereits eingetroffen! (Anmeldung per Email an matthias@stuermer.ch, Platzzahl begrenzt, Mädchen können zum halben Preis teilnehmen)

Scratch Einführungs-Kurs für Kinder und Erwachsene

Am Samstag, 2. Dezember 2017 geben Lionel und ich erstmals zusammen einen Scratch-Kurs. Nach dem Lionel dieses Jahr bereits im April am Open Education Day 2017 und im Oktober an der DINAcon mit meinem Vater Workshop-Erfahrung gesammelt hat, will ich jetzt auch endlich mal eine aktive Rolle leisten.

Es freut mich also, wenn du oder jemanden, den du kennst, am 2. Dezember 2017 von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 15 Uhr am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern (Raum 111) an der Engehaldenstrasse 8 in Bern am Kurs teilnimmt. Eine Anmeldung ist erwünscht an meine Mailadresse matthias@stuermer.ch. Die Teilnahmekosten betragen CHF 30 für Kinder und Jugendliche (10 bis 18 Jahre) und CHF 70 für Erwachsene. Bitte bringt einen Laptop mit, auf dem Scratch im Browser läuft. Empfehlenswert sind ausserdem eine externe Maus und Kopfhörer.