Wurde die externe Einmietung anstelle des Neubaus von zwei städtischen Rechenzentren wirklich seriös geprüft?

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Dringliche interfraktionelle Interpellation SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP, GB/JA! (Giovanna Battagliero, SP/Rania Bahnan Büechi, GFL/Simon Glauser, SVP/Matthias Stürmer, EVP/Kurt Hirsbrunner, BDP/Jürg Weder, GLP/Bernhard Eicher, FDP/Rahel Ruch, JA!)

Bern, 21. Juni 2012

Der Informatikbetrieb der Stadt Bern wird heute von einem stadteigenen Rechenzentrum im Keller der Schwanengasse 14 gewährleistet. Gemäss Abklärungen der FSU [1] anlässlich der Beratung des Jahresberichtes 2011 plant der Gemeinderat nun, am neuen Standort der Informatikdienste ab Ende 2013 im Beerhaus in Bümpliz ein neues Hauptrechenzentrum für die Stadtverwaltung zu bauen. Zudem plant der Gemeinderat den Bau eines zweiten Rechenzentrums, das im Katastrophenfall zum Einsatz kommt. Ein solches Notfallrechenzentrum besteht heute noch nicht.

Um sich frühzeitig ein Bild über dieses Vorhaben machen zu können, verlangt der Stadtrat Transparenz über den aktuellen Stand sowie die weitere Planung des Gemeinderats bezüglich Rechenzentren der Stadt Bern. Auch will der Stadtrat sichergestellt haben, dass die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit aller Varianten gründlich geprüft wurde. Insbesondere stellt sich die Frage, ob für die Stadt Bern eine Einmietung bei einem externen Rechenzentrumsbetreiber (sowohl Anbieter der öffentlichen Hand als auch private Firmen) nicht sinnvoller und günstiger ist, als selber zwei neue Rechenzentren zu bauen.

Ursprünglich haben öffentliche Verwaltungen, Unternehmen und andere Institutionen oftmals eigene Rechenzentren aufgebaut und betrieben. Durch den technologischen Wandel (Rechnersysteme wurden kleiner und leistungsfähiger) und die gestiegenen Anforderungen an den Betrieb (höhere Sicherheit, Zuverlässigkeit, Performanz etc.) mieten in den letzten Jahren immer mehr Organisationen ihre Rechenzentrumsinfrastruktur bei professionellen Anbietern Diese externen Rechenzentrumsanbieter erfüllen die technischen und rechtlichen Anforderungen ihrer Kunden mindestens in einem ebenbürtigen Ausmass, als dass sie dies mit einem eigenen Rechenzentrum selber gewährleisten können.

Ausserdem ermöglichen Skaleneffekte beim Betrieb von mehreren Serverumgebungen typischerweise Kosteneinsparungen und bedeutend kleinere Vorinvestitionen für die Kunden. So können Ausgaben für 24×7-Überwachung, Klimaanlagen, Brandlöschsysteme, Generatoren für Stromausfall, Sicherheitssysteme sowie Energieversorgung zwischen allen Rechenzentrumskunden geteilt werden. Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus dem schwierig abzuschätzen-den Leistungsbedarf einzelner Kunden. Wichtige technologische Entwicklungen in fünf oder mehr Jahren sind kaum vorhersehbar, sodass sich Flächen- und Energiebedarf von Serverumgebungen in diesen Zeitspannen stark verändern können. Ein Rechenzentrumsanbieter mit vielen Kunden kann diese Schwankungen besser ausgleichen als eine einzelne Organisation, wodurch der Betrieb effizienter wird und somit auch wesentlich ökologischer. Gleichzeitig bleibt die Datenhoheit ausschliesslich beim Kunden, der Rechenzentrumsbetreiber hat keinen Zugriff auf die Kundendaten.

Andere öffentliche Verwaltungen in der Schweiz befinden sich heute in ähnlichen Situationen wie die Stadt Bern. So hat sich der Kanton Baselland im letzten halben Jahr eingehend mit der Abwägung zwischen Neubau eines Rechenzentrums und der Einmietung befasst. Aus Kostengründen hat sich das Parlament schliesslich im Januar 2012 deutlich für einen externen Rechenzentrumsanbieter entschiedenen. Die Stadt Winterthur wollte im Oktober 2011 ein neues, eigenes Rechenzentrum für 5.75 Millionen Franken bauen, der Kredit wurde jedoch im Dezember 2011 im Parlament zurückgewiesen, da die externen Varianten nicht genügend abgeklärt wurden. Die Stadt Zürich wiederum baut für 140 Millionen ein neues, eigenes Rechenzentrum, in das Organisationen wie EWZ, VBZ, Schutz und Rettung Zürich, Stadtpolizei etc. sowie Firmen als Drittmieter hinzustossen (in der Stadt Bern haben BERNMOBIL und EWB eigene Serverräume).

Wir bitten daher den Gemeinderat um Beantwortung der folgenden Fragen:

  1. Wie ist die aktuelle Situation bezüglich Rechenzentrumsbetrieb:
    1. Wie viel Rechenzentrumsfläche wird heute benötigt und aufgrund welcher Annahmen kann der Bedarf in der Zukunft abgeschätzt werden?
    2. Welche Kosten wurden in den Auf- und Ausbau des heutigen Rechenzentrums investiert?
    3. Wie hoch sind die Betriebskosten des heutigen Rechenzentrums?
  2. Wie lautet die aktuelle Planung des Gemeinderats:
    1. Wie weit ist die Planung des neuen Hauptrechenzentrums in Bümpliz vorangeschritten?
    2. Wie weit ist die Planung des Notfallrechenzentrums vorangeschritten und wo soll der neue Standort dieses Rechenzentrums liegen?
    3. Mit welchen Kosten wird für den Bau des neuen Hauptrechenzentrums sowie des Notfallrechenzentrums gerechnet?
  3. Was wurde bis heute geprüft:
    1. Wurden die Vor- und Nachteile der Neubauten gegenüber Einmietung mittels einer Vorstudie analysiert (siehe Vorlage an den Landrat des Kantons Basel-Landschaft vom 20. September 2011)?
    2. Wann und bei welchen Anbietern wurde eine Grobofferte eingeholt und mit welchen Ergebnissen?
    3. Inwieweit sind die Grobofferten mit dem Neubau der Rechenzentren bezüglich Investitions- und Betriebskosten inkl. Personalaufwand, Infrastrukturkosten, Energiekosten etc. miteinander vergleichbar?
    4. Wenn dieser Vergleich nicht möglich ist, aus welchen Gründen? Wenn er möglich ist, welche Schlussfolgerungen zieht der Gemeinderat aus dem Vergleich?

Begründung der Dringlichkeit

Der Gemeinderat wird voraussichtlich im Sommer über die weiteren Planungsschritte bezüglich der neuen Rechenzentren entscheiden. Der Stadtrat soll im Herbst 2012 über die betreffenden Kredite befinden. Die in dieser Interpellation aufgeworfenen Fragen sollten unbedingt vorgängig geklärt sein.

Dringliche interfraktionelle Interpellation SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP, GB/JA! (Giovanna Battagliero, SP/Rania Bahnan Büechi, GFL/Simon Glauser, SVP/Matthias Stürmer, EVP/Kurt Hirsbrunner, BDP/Jürg Weder, GLP/Bernhard Eicher, FDP/Rahel Ruch, JA!): Michael Köpfli, Prisca Lanfranchi, Halua Pinto de Magalhães, Lea Kusano, Silvia Schoch-Meyer, Bettina Stüssi, Hasim Sönmez, Ruedi Keller, Patrizia Mordini, Leyla Gül, Guglielmo Grossi, Miriam Schwarz, Corinne Mathieu, Annette Lehmann, Rithy Chheng, Gisela Vollmer, Stéphanie Penher, Lea Bill, Hasim Sancar, Judith Gasser, Cristina Anliker-Mansour, Esther Oester, Rolf Zbinden, Roland Jakob, Luzius Theiler, Susanne Elsener, Martin Trachsel, Lukas Gutzwiller, Tania Espinoza, Peter Künzler, Manuel C. Widmer, Dannie Jost, Daniel Imthurn, Peter Erni, Christoph Zimmerli, Vinzenz Bartlome, Judith Renner-Bach, Claudio Fischer, Martin Schneider, Martin Mäder, Alexandre Schmidt, Beat Gubser, Kurt Rüegsegger, Eveline Neeracher, Manfred Blaser, Alexander Feuz, Rudolf Friedli

Die Dringlichkeit wird vom Büro des Stadtrats bejaht.

[1] Die Einreichenden Giovanna Battagliero, Rania Bahnan Büechi, Simon Glauser sind Mitglieder der FSU-Delegation „Informatik“

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