Vom Rebell zum Gläubigen

BernerZeitung am 22. Oktober 2012, von Urs Wüthrich

Der 32-jährige EVP-Stadtrat will am 25. November den Sprung in den Gemeinderat schaffen. Er weiss, dass er kaum Chancen hat. Die Kandidatur sei auch ein Dienst an seiner Partei. Und er könne im Wahlkampf Erfahrungen sammeln.

Gemeinderatswahlen – Kandidaten stellen sich vor: Matthias Stürmer bei der Station «Chäs u Brot» in Oberbottigen.

Der Mann mit der Nummer 16.03.9 auf der Stadtratsliste will mehr. 16.03.9 will Gemeinderat werden. Es ist Matthias Stürmer, 32 Jahre alt, studierter Betriebswirtschafter und Informatiker mit Doktortitel. Stürmer ist seit einem Jahr EVP-Stadtrat, er hat den Sitz von Barbara Streit-Stettler geerbt. Der Gemeinderatskandidat lebt mit seiner Frau und den drei Kindern (2, 4, 6 Jahre) seit einem Jahr in Oberbottigen. Für den Fototermin für die Wahlserie «Auf dem Sockel» hat er seinen Wohnort, beziehungsweise die Bernmobil-Station Chäs und Brot, gewählt. «Den Westen Berns habe ich bis vor einem Jahr nicht gekannt», sagt der in Uetendorf Aufgewachsene, «der Westen ist eine schöne Gegend, hier gibts Wälder, hier sieht man Rehe, Füchse und Hasen.»

«Jung und unverbraucht»

«Sag niemals nie», sagt Stürmer auf die Frage zu den Motiven seiner chancenlosen Kandidatur als Gemeinderat. «Ich bin jung und unverbraucht, das kann ein Vorteil sein», meint er. Und: «Es ist auch ein Dienst an meiner Partei, die seit 20 Jahren nie mehr für ein solches Amt kandidiert hat. Dass ein EVPler nach so langer Zeit nicht gleich Bundesrat der Stadt wird ist wohl klar.» Immerhin könne er persönliche Erfahrungen sammeln, unter anderem im Umgang mit den Medien. «Mich würde es einfach freuen, wenn ich nach den Wahlen in den Medien lesen könnte: «Stürmer mit einem erstaunlich guten Resultat abgeschnitten».

Fusion der Gemeinden

Matthias Stürmer weiss, was er als Mitglied der Regierung angehen würde: «Mittelfristig sollte man die Gemeinden Bern, Köniz, Muri und Ostermundigen zusammenführen», sagt er. Und als Informatiker ist ihm E-Government ein Anliegen. Die Stadt Bern sei in diesem Bereich noch nicht im 21.Jahrhundert angekommen, sagt Matthias Stürmer. «Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern die Stadtverwaltung näherbringen.» Er hat mitgeholfen, dass Interessierten im Internet beispielsweise das Budget der Stadtverwaltung ohne viel Aufhebens «auf spielerische Art und Weise» kennen lernen können. «Seit über einem Jahr stellt uns der Gemeinderat eine E-Government-Strategie in Aussicht. Bis heute kann ich keine erkennen.»

Von den Jusos zur EVP

Bereits in seinem ersten Jahr als Stadtrat habe er einiges erfolgreich durchgebracht. Der EVP-Mann nennt einen Rückweisungsantrag für 330000 Franken für Microsoft-Server-Lizenzen in der öffentlichen Verwaltung. Es gehe auch mit weniger Geld, meint der IT-Fachmann. Oder das von ihm organisierte Treffen der Oberbottiger Bevölkerung mit den Stadtnomaden. «Ich bin offen für alternative Wohnexperimente und kann es nachvollziehen, wenn sich jemand von der Konsumgesellschaft abgrenzen will. Wenn dies aber zulasten der Steuerzahler geht, finde ich es fragwürdig.»

Als Jugendlicher sei er Mitglied der Jungsozialisten gewesen, erzählt der EVP-Politiker. «Ich war damals in einer rebellischen Phase, wollte die Welt verändern.» Die Welt hat er zwar nicht grundlegend verändert, aber seine Einstellung zum Glauben. «Ich bin durch meine Frau zum Glauben gekommen.» Und da sei die EVP naheliegend gewesen.

(Berner Zeitung)

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