Teurer Luxus: Stadt Bern gönnt sich ein 5-Millionen-Rechenzimmer

 

Alles Weibeln und Stürmen hat es nicht verhindert: Das neue 5-Millionen-Rechenzimmer der Berner Stadtinformatik. Nachdem ich im Juni noch mit SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP und GB/JA! die Interpellation “Wurde die externe Einmietung anstelle des Neubaus von zwei städtischen Rechenzentren wirklich seriös geprüft?” eingereicht hatte, lehnte gestern vor allem wegen SP und Grünem Bündnis sowie einigen GLP-Parlamentariern der Berner Stadtrat die externe Einmietung eines Rechenzentrums ab. Tja, und so werden nun zig Millionen Steuergelder in teure Dieselstromgeneratoren, Klimaanlagen, Sicherheitssysteme etc. investiert obwohl auf dem Platz Bern gut ein halbes Dutzend viel grössere und modernere Rechenzentren bereits bestehen oder gebaut werden.

Der Bund und die Berner Zeitung haben heute bereits darüber berichtet. Hier die Notizen meines Votums zum gestrigen Änderungsantrag:

______________________________________________________________________

Änderungsantrag zum Beer-Haus Kredit betreffend Rechenzentrum

Matthias Stürmer (EVP), 29. November 2012

Änderungsantrag

Die Vorlage „Beer-Haus: Baumassnahmen für den Einzug der Stadtverwaltung; Baukredit“ wird wie folgt geändert:

  • Das Geschäft wird aufgeteilt. Die Baumassnahmen ausser denen im Zusammenhang mit dem Rechenzentrum werden wie geplant durchgeführt.
  • Der Ausführungskredit wird um den Mieterausbau Rechenzentrum von 4’985’000 Franken gekürzt.
  • Die Rechenzentrumsleistungen für die Stadt Bern werden öffentlich ausgeschrieben.

Votum

Ich kann verstehen, wenn sich nicht alle Stadträte für Rechenzentren und IT interessieren, aber es ist ein wichtiges 5-Millionen-Franken-Geschäft, deshalb möchte ich um eure Aufmerksamkeit bitten. Ein Hinweis gleich zu Beginn: Ich habe keinerlei geschäftliche Beziehungen zu Colocation-Anbieter. Von einem Studienkollegen, der ein Rechenzentrum betreibt, habe ich sogar die Wahlspende wieder zurücküberwiesen um hier gänzlich ohne eigenen Interessen reden zu können.

Für mich gibt es zusammengefasst drei Hauptgründe für eine öffentliche Ausschreibung der städtischen Rechenzentrumsleistungen:

Grund 1: Auslagerung des Rechenzentrums wurde nie ernsthaft geprüft

Wir hatten bereits im Juni eine dringliche Interpellation im Juni eingereicht sodass Zeit genug gewesen wäre um Transparenz zu schaffen und genauere Offerten einzuholen. Aber eigentlich begann das Problem schon viel früher. Der Gemeinderat hatte von Anfang an das Rechenzentrum ins Beerhaus übernehmen wollen, wie mir der Generalsekretär letzte Woche mündlich bestätigte. Somit wurde nie ernsthaft geprüft, ob – wie heute alle Banken und andere Unternehmen in der Privatwirtschaft – auch die Stadt ihre eigenen Server in einem externen Rechenzentrum aufstellen sollte.

Es gibt im Raum Bern zig Rechenzentren, sowohl von der Privatwirtschaft als auch von Behörden-nahen Organisationen wie der Bedag oder dem BIT. Die haben riese Server-Farmen und könnten locker die paar Rechner der Stadt Bern reinnehmen. Oder auch die Swisscom investiert in den Standort Bern: 2014, genau wenn das neue Rechenzentrum in Betrieb genommen werden sollte, wird im Wankdorf ein hochmodernes 100-Millionen-Rechenzentrum eröffnet.

Aber jetzt ist man wegen Sanierungsmassnahmen plötzlich wieder unter Zeitdruck seitens des Gemeinderats: es werden horrende Summen für eine allfällige Überbrückung an die Wand gemalt. Gleichzeitig hat der Gemeinderat die relevanten Zahlen der Kommission nie gegeben. Erst nachdem ich selber mehrmals nachgehakt hatte, bekam ich die Milchbüchleinrechnung am Montag dieser Woche, drei Tage vor der Behandlung im Stadtrat. Somit hatte FSU-Kommission nie die nötigen Detailinformationen, sich fundiert mit den Kostenprognosen auseinanderzusetzen. Diese nun verfügbaren Zahlen und Fakten zeigen tatsächlich, war wir schon im Juni vermutet hatten:

Grund 2: Äpfel mit Nüssen verglichen

Ich will nicht ins Detail gehen und euch mit allen Zahlen langweilen. Einfach nur dies:

  • Das Rechenzentrum im Eigenbau sieht bloss eine Stromzuleitung vor. Das heisst, wenn dort der Strom ausfällt, sind sämtliche Datenserver der Stadtverwaltung abgeschaltet. Dieser Fakt steht NICHT im Geschäft, den habe ich erst am Montag erfahren. Alle externen Anbieter sehen mindestens eine zweifache Zuleitung vor.
  • Das Rechenzentrum im Eigenbau sieht bloss einen Dieselstromgenerator vor. Dass heisst wenns Ernst wird, hängt die ganze Stadtverwaltung von einem Generator ab. Das ist absolut wie die Stromzuleitung nicht State-of-the-Art. Deshalb bieten auch hier die Externen mindestens zwei Generatoren an.
  • Viele weitere Details sind ebenfalls anders. So rechnet die Stadt Bern keinen 24/7-Picketdienst ein oder auch keine aktive Feuerlöschanlage ist aufgeführt.

Das aber nicht genug, auch bei den Preisen hat der Gemeinderat alles zu seinen Gunsten gedreht:

  • Der Stromverbrauch wurde unrealistisch hoch eingeschätzt. Es wird von einer Vervierfachung der Leistung innerhalb der nächsten 5 Jahre gerechnet. Das macht letztlich die Eigenbau-Variante künstlich günstiger.
  • Die Abschreibung der Geräte wird beim Eigenbau auf 20 Jahre gemacht. Eine Zahl, die nicht realistisch ist und in der Privatwirtschaft nie so praktiziert wird.
  • Der Unterhalt der städtischen Geräte ist massiv unterberechnet.
  • Bei der Netzerschliessung oder den Kommunikationskosten werden oder nachvollziehbarer Begründung Zehntausende Franken den Externen dazugeschlagen.

Grund 3: Ökologischer Blödsinn

Wir wollen ja bekanntlich Storm sparen. Dazu stelle ich schonmal vorab die vorgerechneten Szenarien von einer Vervierfachung des Stromverbrauchs in Frage. Dazu kommt, dass man in einem professionellen Rechenzentrum auch besser Abwärme wiederverwenden kann weil sich eine Anbindung an den Wärmeverbund wie beim neuen Swisscom-Rechenzentrum lohnt. Wichtig ist aber auch die graue Energie: Es sollen für zig Millionen ein neuer Dieselstromgenerator, Batterien, Stromschutzanlagen, Klimaanlagen, Sicherheitssysteme etc. eingebaut werden. Das sind sehr energieintensive Geräte. Bei einem Colocation könnten alle diese Gerätebeschaffungen mit anderen geteilt werden und somit der Anteil der grauen Energie verkleinern.

Externe Anbieter planen hochökologische Rechenzentren. Das Swisscom-Rechenzentrum im Wankdorf sieht zum Beispiel für die Kühlung die Nutzung von Regenwasser anstelle von Trinkwasser vor. Batterien sind nicht nötig weil es ein Schwungrad gibt – wie auch bei der Bedag. Alles das wird ein Eigenbau nicht haben weil es sich schlichtweg nicht lohnt.

Fazit:

Ich bin überzeugt, dass sich der Ausschreibungsaufwand und eine gewisse Zeitverzögerung gerechtfertigt sind. Es werden garantiert viele Offerten eintreffen, denn es gibt viele Alternativen. Ich hoffe, euch damit ein paar neue Informationen gegeben zu haben. Wenn ihr nicht 100% vom Eigenbau überzeugt seid möchte ich euch bitten den Änderungsantrag anzunehmen oder wenigstens Enthaltung zu stimmen.

_______________________________________________________________________

Diese Informationen hatte ich den Kommissionsmitgliedern und Fraktionspräsidien im Vorfeld zugeschickt:

  • Colocation ist signifikant günstiger: Seit dem Einholen der Grobofferten im Mai 2012 haben die Informatikdienste stets genauere Informationen zu ihren Anforderungen (zB Sicherheits-Level, Energieeffizienz etc.) an das Rechenzentrum bekannt gegeben. Zuletzt haben am Montag, 26. November 2012 die Informatikdienste neue Zahlen genannt. Aufgrund des überarbeiteten Vortrags haben auch die Colocation-Anbieter ihre Preise neu berechnet um ein vergleichbares Angebot zu erbringen. Bspw. geht die NTS neu von einem Betrag von rund 5.4 Mio Franken für die ersten 10 Jahre aus. Das sind je nach Szenario 4 Mio. bis 7 Mio. Franken WENIGER als die Eigenbauvariante der Informatikdienste. Colocation kann also je nach Rechenart mehr als 50% günstiger sein als ein Neubau eines Rechenzentrums!
  • Colocation ist nicht Outsourcing: Outsourcing ist ein Auslagern der Informatik an eine externe Firma. Beim Colocation wird jedoch lediglich ein Platz mit Strom- und Internet-Anschluss in einem externen Rechenzentrum gemietet, das gewisse Anforderungen an Sicherheit, Temperatur, Stromversorgung etc. erfüllt. Alle Daten und Applikationen inklusive Server-Hardware bleiben vollständig im Besitz der Stadt Bern. Niemand anderes als die Mitarbeiter der Stadt Bern hat Zugang auf die Daten. Und falls die Stadt Bern einmal nicht mehr mit einem Colocation-Anbieter zufrieden sein sollte, kann sie relativ einfach ihre Server aus dem externen Rechenzentrum entfernen und in ein anderes zügeln. Die Abhängigkeiten vom Colocation-Anbieter sind dementsprechend gering.
  • Nichts zu verlieren: Der Änderungsantrag verlangt, dass verlässliche Marktpreise für eine Colocation-Lösung eingeholt werden – etwas, das die Informatikdienste auch von sich aus bereits früher hätten tun können. Falls widererwarten die verbindlichen Preise für Colocation höher sein sollten, kann die Ausschreibung annuliert werden. Andernfalls profitiert die Stadt Bern von einem günstigeren Colocation-Angebot.
  • In Menschen, nicht in Maschinen investieren: Baut die Stadt Bern ein neues Rechenzentrum, werden rund 5 Millionen Franken für bauliche Massnahmen und Installationen wie Stromgeneratoren, Batterien und Klimaanlagen ausgegeben. Sinnvollerweise würden die Gelder jedoch nicht in Maschinen, sondern in Menschen investiert werden. Mit den Einsparungen bei einer Colocation-Lösung könnten mehrere Vollzeitstellen in der Informatik geschaffen werden. Oder der Betrag kann generell im Stadtbudget eingespart werden.
  • Colocation ist sicherer: Der Betrieb von Server-Infrastrukturen ist heutzutage eine anspruchsvolle Tätigkeit. Ständig ändernde Techniken und Sicherheitssystem verlangen fundiertes Fachwissen und Erfahrung. Es ist deshalb verständlich, dass professionelle Colocation-Anbieter einen besseren Betrieb als die Städtischen Informatikdienste anbieten können. Gemäss Vortrag fordert die Stadt Bern eine Tier-III-Sicherheit. Dies bedingt eine Redundanz sowie eine klare räumliche Trennung aller Infrastrukturen, was mit dem vorgestellten Konzept im Beer-Haus nicht realisierbar ist.
  • Colocation ist ökologischer: Der Gemeinderat erläutert ausführlich, wie mittels Server- und Client-Virtualisierung Strom gespart werden kann. Dies hat jedoch alles nichts zu tun mit der Kernfrage Eigenbau oder Colocation. Dass die Abwärme des neuen Rechenzentrums zum Heizen genutzt werden soll ist zu begrüssen. Allerdings können professionelle Colocation-Anbieter durch ihre Grösse noch wesentlich besser Energie sparen, z.B. durch Einbindung der Wärmerückgewinnung in ein Fernwärmenetz. Ein bestehendes Rechenzentrum mitzubenutzen ist in jedem Fall ökologischer als zusätzliche Infrastruktur  zu erstellen, zu deren Bau und Ausrüstung viel Energie aufgewendet werden muss.
  • Colocation ist flexibler: Die Informatikdienste rechnen in den nächsten Jahren mit einer Verfünffachung der Leistungskapazität (von 60kW auf 300kW). Tritt diese Leistungsvergrösserung nicht wie geplant ein, entstehen räumliche und technische Überkapazitäten. Bei einer Colocation-Lösung kümmert sich der Anbieter um Investitionen in die Infrastruktur, die Preise sind transparent.
  • Eigenes Rechenzentrum ist nicht zeitgemäss: In der heutigen Zeit ist es nicht mehr üblich, dass Organisationen in der Grösse der Stadt Bern ein eigenes Rechenzentrum nur für den Eigengebrauch bauen. Die Sicherheitsansprüche sind derartig gewachsen, dass die hohen Infrastruktur- und Betriebsunterhaltskosten sich für eine so kleine Umgebung wie bei der Stadt Bern nicht lohnen. Gleichzeitig gibt es im Markt eine Vielzahl von Anbietern (auch im Raum Bern), die professionelle Colocation-Dienstleistungen anbieten. Es besteht ein reger Wettbewerb und entsprechender Preisdruck, sodass mit effizienten Strukturen gerechnet werden kann.
  • Colocation ist verbreitet: Aufgrund von Signalen der FSU Kommission hatten die Informatikdienste kurz vor der Fertigstellung des Vortrags noch rasch innerhalb weniger Tage Grobofferten von Anbietern eingeholt. Zwei Anbieter (Bedag und NTS) konnten umgehend reagieren, die anderen hatten wohl zu wenig Zeit oder zu wenig Interesse, sich bei einer offensichtlich unprofessionellen Offertenanfrage die Mühe für ein Angebot zu machen. Will jedoch die Stadt Bern ernsthaft ihre Informatikinfrastruktur auslagern und schreibt dazu die Rechenzentrumsleistungen öffentlich aus, ist stark damit zu rechnen, dass auch noch andere Rechenzentrumsanbieter aus dem Raum Bern ein Angebot abgeben werden. Bspw. baut die Swisscom bis 2014 ein neues, ökologisches Rechenzentrum für 100 Mio. Franken in Bern-Wankdorf.
  • Niemand baut mehr für sich alleine: Der Gemeinderat zeigt auf, dass die meisten anderen Kantone und Städte eigene Rechenzentren haben. Allerdings weist die Beschreibung auch daraufhin, dass alle Neubauten stets im Verbund mit anderen öffentlichen Stellen geschehen. Nur so lassen sich die hohen Investitionskosten rechtfertigen. Nirgendwo wird noch ein neues Rechenzentrum durch eine Stadt für die alleinige Nutzung gebaut. Die Aussage, dass im Raum Bern keine Möglichkeiten bestehe, das städtische Rechenzentrum in ein bereits bestehendes Rechenzentrum einer anderen Gemeinde, des Kantons oder des Bundes einzubringen ist falsch, sonst hätte die Bedag als 100%-Tochtergesellschaft des Kantons Bern keine Grobofferte abgeben können.
  • Künstlicher Termindruck: Der Gemeinderat argumentiert, dass schnell gehandelt werden muss, weil sonst zusätzliche Kosten entstehen. Es bestünde nicht mehr Zeit für eine öffentliche Ausschreibung, weil am 1. Januar 2014 die Schwanengasse renoviert wird. Wenn allerdings am 29. November 2012 der Stadtrat entscheidet, dass ausgeschrieben wird, bleibt immer noch über ein Jahr für die Auswahl eines Anbieters und der entsprechende Umzug. Die ganze Server-Infrastruktur muss sowieso die Schwanengasse verlassen. Ob sie nun in das Beer-Haus oder in eine Colocation verschoben wird, spielt keine wesentliche Rolle.

Comments are closed.