SIK Jubiläumsveranstaltung: Positive und kritische Worte zur Informatik der Stadt Bern

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Vor einer Woche hatte ich die Möglichkeit, kurzfristig für Stadtpräsident Alexander Tschäppät bzw. Gemeinderat Reto Nause fürs Grusswort im Erlacherhof an der 40-Jahre Feier der Schweizerischen Informatikkonferenz SIK zu reden. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar positive wie auch kritische Worte über die Informatik der Stadt Bern zu teilen:

Schweizerische Informatikkonferenz (SIK), Feier zum 40-Jahr-Jubiläum,

Donnerstag, 25. Juni 2015, 19 Uhr, Erlacherhof, Bern

Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Geschätzte Damen und Herren

Ich begrüsse Sie herzlich im Garten des Erlacherhofs, dem offiziellen Regierungssitz der Stadt Bern. Es freut mich, dass wir als Stadt Bern Gastgeber für die SIK Jubiläumsveranstaltung sein dürfen.

Ich überbringe Ihnen auch gerne den Gruss von Gemeinderat Reto Nause, der sich aufgrund eines kurzfristigen Spitalaufenthalts für heute Abend leider entschuldigen lassen muss.

Selber bin ich zwar kein Gemeinderat, aber immerhin Mitglied des Stadtberner Parlaments. Dafür bin ich von der passenden Partei, der EVP, was ja neuerdings Elektronische Volkspartei heisst.

Ich nehme an, Sie haben die Besichtigung der Berner Altstadt bzw. des Bundeshauses genossen. Die Altstadt, die ja zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und das Bundeshaus sind zugleich auch die beiden bekanntesten Aushängeschilder der Stadt. Nun sind wir hier im historischen Erlacherhof. Dies ist der wöchentliche Tagungsort des Gemeinderats der Stadt Bern (Exekutive), Sitz des Stadtpräsidenten, der Präsidialdirektion und der Stadtkanzlei. Der Erlacherhof ist geschichtlich und architektonisch das bedeutendste private Bauwerk der Stadt. Gebaut wurde der Stadtpalast im 18. Jahrhundert – also zu Zeiten des Ancien Régime. Damals herrschten in der Stadt Bern die Patrizier.

Anders als das geplante Grusswort des Berner Gemeindesrats möchte ich jetzt die Geschichte von Bern nicht vertiefen und auch nichts über die steigenden Einwohnerzahlen, das sinkende Durchschnittsalter, die beliebtesten Vornamen oder etwa über die Anzahl Kühe, Schweine und Hühner der Stadt Bern sagen.

Sondern, da ich mich als Stadtrat und auch als Forscher und Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern mit Informatik und Digitalisierung beschäftige, nehme ich die Gelegenheit wahr, ein paar Informationen und Gedanken zur IT der Stadt Bern zu teilen. Diese sind möglicherweise auch für andere öffentliche Informatikstellen interessant und relevant.

Ich mache es ganz einfach: Was finde ich positiv, wo habe ich meine Bedenken. Begrüssenswert sind folgende Punkte:

  • Wie viele von Ihnen wissen, bin ich grosser Befürworter von Open Source Software bei Behörden. Von dem her freut es mich sehr, dass die offizielle Informatikstrategie der Stadt Bern den verstärkten Einsatz von Open Source als eine der 5 Zielsetzungen vorsieht und auch tatsächlich umsetzt. Immer mehr IT-Projekte beziehen Open Source Software mit ein, momentan sind es bereits über 20 der rund 60 laufenden IT-Projekte.
  • Zwar nicht mehr neu, dafür seit über 10 Jahren im Einsatz ist die heutige Website der Stadt Bern. Ein Content Management System, das so lange im Einsatz steht, kann schon als digital nachhaltig bezeichnet werden – umso mehr, weil es für den Relaunch nicht komplett neu gebaut werden muss sondern Dank dem Open Source Prinzip bloss ein Update kriegt.
  • Ein positives Beispiel finde ich auch die neue BernBox, eine Art Dropbox für alle 2500 Mitarbeitende. Diese wurde mit internen Ressourcen vollständig auf Open Source Komponenten aufgebaut und ist seit Februar 2015 im produktiven Einsatz. Dabei wird unter anderem OwnCloud, MariaDB und Elasticsearch eingesetzt. Ein sehr innovativer Ansatz, der hoffentlich bald auch in anderen Behörden Anwendung findet.
  • Und sehr mutig finde ich die Initiative der Stadt Bern, sich mit den Städten Zürich und Basel zusammenzuschliessen und gemeinsam die Beschaffung der neuen Fallführungslösung im Sozialwesen vorzunehmen. Im neu gegründeten Verein CitySoftNet wird erstmals eine wichtige Fachanwendung gemeinsam mit anderen Behörden beschafft – ein verständlicherweise nicht einfacher dafür umso sinnvollerer Weg.

Nach so viel Lob noch zwei negative Punkte:

  • Ich finde es sehr schade, dass man es in der Stadt Bern vor drei Jahren verpasst hat, einen sinnvollen Standort der Server-Infrastruktur zu wählen. Anstelle sich bei einem der zahlreichen und hochprofessionellen Housing-Anbietern im Raum Bern einzumieten, hat die Stadt Bern beschlossen, für zig Millionen ein eigenes, neues Rechenzentrum zu bauen. Im Vergleich zum Bedag-RZ oder dem neuen Swisscom-RZ im Wankdorf ist das in Bern bloss ein Rechenzimmer, kein Zentrum. Dieses Geld hätte man anstelle von Dieselgeneratoren und Klimaanlagen besser in IT-Fachleute oder die dringenden E-Government Projekte investiert.
  • Auch kritisch sehe ich die anhaltende Abhängigkeit der Stadtinformatik von den einschlägigen IT-Anbietern, die sich fortlaufend über freihändige Vergaben für ihre proprietären Produkte freuen dürfen. Alleine in der Stadt Bern zahlen wir jährlich mehrere Millionen für Software-Lizenzen. Die Preise werden von den Herstellern diktiert. Diese Abhängigkeiten sollten systematisch reduziert werden indem Open Source Alternativen gefördert werden.

Meine These ist: Wenn die öffentliche Hand GEMEINSAM nur einen Bruchteil vom Geld, das sie den IT-Herstellern jährlich an Lizenzpreisen bezahlt, in den Aufbau einer Open Source Büroautomatisation stecken würde, hätte man innerhalb kurzer Zeit einen modernen und kostenlos skalierbaren Workplace bereit. Wie Balthasar Glättli heute Nachmittag ausgeführt hat, ist dies sehr im Sinne der digitalen Nachhaltigkeit der öffentlichen Informatik. Die SIK könnte da eine entscheidende Führungs- und Koordinations-Rolle übernehmen, was ich für nächsten Jahre als sehr wichtig empfinde. Nur so können wir als kleine Schweiz den gigantischen Firmen die Stirn bieten.

Nun aber genug der Worte zu Stadtinformatik und Open Source. Gemäss Regieanweisung hätte ich diesen Begriff sowieso nur maximal 2x erwähnen dürfen! Ich schliesse hiermit und sage: Prost beim Apéro – lang und digital nachhaltig lebe die SIK!

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

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