1. August-Rede in Büren an der Aare

Dieses Jahr hatte ich die Ehre, in Büren an der Aare die 1. August-Rede 2019 zu halten. Hier meine gestrigen Worte:

Sehr geehrte Gemeinderäte, sehr geehrte Einwohnende von Büren, liebe Gäste

Ich fühle mich sehr geehrt, als Berner Stadtrat von Ihnen eingeladen zu werden. Ich deute das als Zeichen der Versöhnung: Denn wie Sie sich vielleicht erinnern, hat die Stadt Bern 1388 das schöne Städtchen Büren an der Aare erobert. So hoffe ich, falls da noch ungute Gefühle sind, dass diese historische Vergangenheit mit dem heutigen Abend christlich vergeben ist.

Wie Sie wissen bin ich von der EVP, der “elektronischen Volkspartei”. Darum werde ich heute Abend über Digitalisierung reden. Andererseits steht das “E” ja eigentlich für “evangelisch”. Darum werde ich mit dem Thema “Dankbarkeit” einen zweiten, mir wichtigen Punkt aufgreifen.

Digitalisierung

Wir befinden uns in einem Zeitalter von unglaublichen technologischen Veränderungen. Alles passiert enorm schnell. Die Digitalisierung kann niemand aufhalten. Seit erst 12 Jahren gibt es Smartphones, heute haben praktisch alle eines.

Dramatisch ist auch den Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Noch vor wenigen Jahren ist es undenkbar gewesen, was heute Informatik für uns leistet. Die Computer sind heute nicht nur erfolgreicher im Schach spielen oder beim Pokern. Diese Woche wurde bekannt, dass eine grosse amerikanische Bank künftig einen Algorithmus braucht um Werbetexte zu schreiben. Man hat herausgefunden, dass die Texte von der künstlichen Intelligenz erfolgreicher gewesen sind als die von Marketing-Profis.

“Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert” Das ist die Prognose für die digitale Zukunft. Möglich ist das durch maschinelles Lernen, Machine Learning. Damit kann man Sprachen mit dem Smartphone erkennen, Röntgenbilder in der Medizin verstehen, mit Gesichtserkennung die Flughäfen sicherer machen oder selbstfahrende Autos steuern.

Solche selbstlernenden Computer können sehr praktisch sein. Ein Beispiel aus meinem Alltag an der Uni Bern: Für Übersetzungen brauche ich seit einigen Monaten DeepL. Dieser gratis Übersetzungsservice ist so gut, dass ich manchmal Sätze auf Englisch schreibe, sie von DeepL auf Deutsch übersetzen lasse, dann diesen Satz wieder mit DeepL zurück auf Englisch übersetze – und dann ist der neue englische Satz manchmal besser formuliert als mein ursprünglicher Satz. Dafür bin ich sehr dankbar!

Eigentlich ist das alles nichts Neues: Die mathematischen Grundlagen für künstliche Intelligenz gibt es schon seit den 1950er Jahren. Es hat aber bis jetzt die benötigte Rechenleistung gefehlt. Und man hat zu wenige Daten gehabt.

Heute ist das anders: Was denken Sie, wie viele Daten gibt es heute auf der Erde? – Man schätzt, dass es rund 33 Zettabyte sind. Was ist ein Zettabyte? Das ist eine 1 mit 21 Nullen. Oder für die, die es gerne etwas technischer mögen: Sie kennen Megabytes, danach folgen Gigabytes, dann Terrabytes, dann Petabytes, dann Exabytes und dann Zettabytes. Einfach unglaublich viele Daten. Und der Datenberg wächst laufend weiter: Bis im Jahr 2025 werden 175 Zettabyte erwartet, noch einmal fünfmal mehr als heute.

Industrie 4.0

Was hat jetzt all diese Technik mit der Schweiz und dem 1. August zu tun? Sehr vieles. Die fortschreitende Digitalisierung ist eine Chance für unser Land, aber sie löst auch viele Ängste aus. Man redet von der 4. industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, nach der Elektrifizierung und nach der Erfindung des Computers sagt man der heutigen Zeit “Industrie 4.0″.

Es geht um die grundlegende digitale Transformation der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft. Alles wird vernetzt. Überall werden digitale Geräte eingesetzt. Das verändert die Arbeitswelt enorm. Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Das macht verständlicherweise Angst.

Auch das ist aber nicht neu: Im 19. Jahrhundert haben die sogenannten Maschinenstürmer die Fabriken mit den Webmaschinen abgebrannt. Heute werden wegen 5G Mobilfunkmasten gesprengt, wie kürzlich in Morges passiert. Das ist auch eine Form des Widerstands gegen die Digitalisierung. Aber er ist zwecklos.

Niemand bleibt verschont. Auch bei uns an der Uni gibt es grosse Veränderungen. YouTube ist eine Ursache davon. Eine Vorlesung unterrichte ich seit kurzem mit YouTube-Videos. Das ist praktisch, aber es hat auch viel Umdenken als Dozent gebraucht.

Daher lautet meine Empfehlung: Flexibel sein, positiv reagieren, die neuen Möglichkeiten kennenlernen und nutzen. Weil manchmal ergeben sich gerade aus unerwarteten Veränderungen neue Chancen.

Chancen packen

Sie als Bürerinnen und Bürer können das. In den nationalen Medien hat man Anfangs Juli lesen können, dass ein Kornkreis hier in Büren ist entdeckt worden. Das hat natürlich einen Schaden beim Weizen verursacht. Aber die betroffenen Bauern sind schlau gewesen und haben ein Kässeli für die Besuchenden aufgestellt. Ich finde das sehr clever: unternehmerisches Denken praktizieren, dort wo andere sich über den Schaden beklagt hätten.

Dies ist auch bei der Digitalisierung die richtige Antwort: Jede Veränderung hat Chancen. In einem Monat, am 3. September, findet der Digitaltag statt. An diesem Tag werden für die Bevölkerung überall in der Schweiz Hunderte von Anlässe, Vorträgen und Workshops zu Digitalisierungsthemen stattfinden. Das Motto des Tages lautet “Lifelong Learning”, lebenslanges Lernen. Das ist eine weitere wichtige Voraussetzung, dass wir die 4. Industrielle Revolution gut überstehen: Dass wir uns das Leben lang weiterbilden. Das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten ist gross und wächst ständig.

Generell denke ich, dass wir in der Schweiz für die Veränderungen durch die Digitalisierung gut aufgestellt sind: Wir haben mit der direkten Demokratie ein ideales politisches System, eine hohe Beschäftigung, stabile Sozialwerke und gute Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Kurz gesagt, wir können dankbar sein hier in diesem Land zu leben.

Dankbarkeit

Dankbarkeit, was ist das eigentlich? Ein positives Gefühl? Ein Weg zum glücklich werden? Im Internet kann man lesen: “Dankbarkeit macht gesund, leistungsfähig, ausgeglichen und stärkt Beziehungen”. Auch in der Bibel steht, dass Dankbarkeit glücklich macht: “Seid dankbar in allen Dingen”

Selbst die Wissenschaft hat erwiesen, dass Dankbarkeit nicht nur andere ermutigt, sondern dass man sich auch selber glücklicher fühlt, wenn man dankbar ist. Das Fazit einer Studie ist, dass man mit Dankbarkeit sich selber und andere glücklicher macht und dass man dabei nicht Angst vor Peinlichkeiten haben sollte. Fangen wir also bei uns selber an und sagen es anderen, dass wir sie wertschätzen.

Gleichzeitig ist Dankbarkeit nicht selbstverständlich. Häufig jammern wir und beklagen uns über das, was nicht gut läuft. Wir haben Selbstmitleid oder noch schlimmer: Wir sind neidisch auf andere, weil wir denken, dass es denen ja viel besser geht. Eine Forscherkollegin hat nachgewiesen, dass Facebook tendenziell neidisch und unglücklich macht. Man sieht all die tollen Ferienfotos, die glücklichen Familienbilder oder Erfolgsgeschichten seiner Freunde und wird dann entsprechend eifersüchtig. Man vergisst sozusagen, für was man selber dankbar sein könnte.

Dankbarkeit ist zwar nicht selbstverständlich – aber man kann es trainieren. Meine Frau Anita hat da eine clevere Lösung gefunden. Seit einem Jahr schreibt sie sich ab und zu in ein Büchlein, für was sie dankbar ist. Nur ein paar Stichworte. Sie hat schon über 200 Einträge drin. So übt sie für sich einen dankbaren Lebensstil.

Dankbar für meine Familie

Persönlich bin ich sehr dankbar für meine Familie, für Anita, für unsere drei Kinder, für meine Arbeitsstelle, für meinen Freundeskreis, für die Stadt Bern, für die Schweiz, für unser politisches System. Natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was in der Politik geschieht. Aber im Grunde kann ich nach bald 8 Jahren im Berner Stadtrat doch sagen, dass fast alle Politikerinnen und Politiker gute Absichten haben – aber halt einfach unterschiedliche Wege sehen, was man tun sollte.

Und doch gibt es manchmal Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. Umweltzerstörung, Krieg, Terror. Aktuell ist der Tötungsfall im Frankfurter Bahnhof. Besonders schlimm sind Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Solche Ereignisse werfen Fragen auf, für die es keine Antworten gibt.

Ich habe vor viereinhalb Jahre meinen Tiefpunkt gehabt. Es ist tiefer Winter gewesen, der 31. Januar 2015. Meine Schwester ist damals auf einer SAC-Skitour durch eine Lawine gestorben. Das ist bis heute mein schlimmstes Erlebnis gewesen. Und trotzdem hat es auch in dieser Situation Lichtblicke gegeben, für die bin ich dankbar gewesen: Meine Frau und meine Kinder haben mich unterstützt. Die grosse Anteilnahme vieler Freunde und Bekannte. Die heute gute Beziehung zu meinen Eltern. Wir stürmen nicht mehr um Belangloses. Ich kann sagen, die Beziehungen in unserer Familie sind durch das tragische Unglück gewachsen. Wir schätzen einander mehr als vor diesem schlimmen Ereignis. Das Beispiel zeigt, dass man auch in solchen dunklen Momenten Gründe für Dankbarkeit finden kann.

Ich möchte Sie ermutigen für die Zukunft von Büren, vom Kanton Bern, von der Schweiz, von dieser Welt. Zeigen wir unseren Mitmenschen Wertschätzung und Dankbarkeit. Seien wir zufrieden mit dem was wir haben. Aber lasst uns nicht selbstzufrieden werden, nicht bequem oder faul. Sondern bleiben wir am Ball und stellen uns den Veränderungen von dem Leben!

So bin ich dankbar für den heutigen analogen Abend, fürs schöne Wetter, fürs feine Essen – spendiert von der Gemeinde Büren – für die Musik, fürs 1. August Feuer, für die gute Stimmung, fürs Zusammensein.

Häbet e guete Abe miteinander!