Meine letzten Worte (im Berner Stadtrat)

Das war sie also, meine letzte Stadtratssitzung! Hier noch meine Abschiedsrede, die heute im Berner Stadtrat verlesen wurde:

Liebe Ratskolleginnen und Ratskollegen, liebe Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, liebe Gäste

Nun ist es soweit, ich bin dran mit dem Rücktritt und mit meinen (fast) letzten Worten:

Es war mir eine Ehre, die letzten acht Jahre als EVP-Stadtrat im Bernischen Stadtparlament innerhalb der GFL/EVP-Fraktion ‘rumgestürmt’ zu haben. In dieser Zeit habe ich enorm viel gelernt, wie Politik funktioniert, wie man Vorstösse und Anträge erstellt und Erfolg damit hat, aber auch wie man sich für ein Anliegen engagiert und am Schluss die Abstimmung verliert. Fast wie beim Sport, man lernt auch in der Politik innerhalb kurzer Momente gewinnen und verlieren – obwohl wir beim Fussball ja momentan nur Siegen ;)

Aber wie der Profisport braucht auch Politik viel Zeit: für Ratssitzungen, Kommissionssitzungen, Fraktionssitzungen, Parteisitzungen, Sitzungen vorbereiten, Reden schreiben, Wahlkampf usw. Da ich momentan an der Uni Bern ein Team mit 20 Leuten führen darf und dennoch ab und zu mal zu Hause meine Familie sehen möchte, habe ich mich entschieden, vorerst eine Politik-Pause einzuschalten.

Rückblickend bin ich sehr dankbar für die spannende Zeit im Berner Stadtrat. Nirgends sonst habe ich so viele spannende und unterschiedliche Menschen kennengelernt wie hier im Berner Parlament! Auch wenn wir logisch nicht immer der gleichen Meinung sind, finde ich doch, dass jede und jeder mit einem guten Grund hier drin sitzt: Weil wir uns für das Wohl unserer Stadt engagieren wollen, weil wir nicht bloss meckern über das was nicht läuft, sondern weil wir uns Zeit nehmen Lösungen zu finden und Kompromisse zu schliessen.

Neben den ganzen politischen Geschäften hat es mich aber auch immer wieder fasziniert, auf Stadtratsausflügen, Besichtigungen oder Cüpli-Events viele Stadtratsmitglieder von der persönlichen Seite kennenzulernen. Es sind echte Freundschaften entstanden mit Menschen, mit denen ich auch gerne mal in der Freizeit zusammen bin.

An einen tragischen, aber umso berührenderen Moment erinnere ich mich immer wieder: Als meine Schwester vor 5 Jahren bei einer Lawine starb. Ich erhielt von zahlreichen Ratskolleginnen und -kollegen, von der eigenen Fraktion und auch von anderen Fraktionen sehr ermutigende Beileidsschreiben. Das hat mir viel bedeutet und bleibt mir in Erinnerung.

Zum Schluss wünsche ich euch drei Dinge: Erstens, dass ihr respektvoll miteinander umgeht und einander wertschätzt, auch wenn der oder die andere wiedermal überhaupt nicht kapiert um was es bei eurem doch so wichtigen Anliegen geht. Zweitens, dass ihr euch fokussieren könnt auf die wirklich wichtigen Geschäfte und Diskussionen und dazu vielleicht auch mal auf einen Vorstoss oder ein Votum verzichtet (meine drei heute einzureichenden Motionen sind zum Beispiel enorm wichtig…). Und Drittens, dass ihr bei den städtischen Informatikgeschäften weiterhin ein Auge auf die Abhängigkeiten von IT-Firmen habt und dabei an die Lösung – was wohl?? – «Open Source» denkt! ;)

Ernsthaft: Falls mal wieder Fragen oder Probleme zu einem Digitalisierungsthema auftauchen (beispielsweise Schulinformatik…) oder jemand eine kritisch-konstruktive Beurteilung eines Informatikvorhabens möchte, stehe ich allen gerne jederzeit zur Verfügung. Und natürlich freut es mich auch sonst, euch bald wiedermal an einem Event, in der Beiz oder sonst irgendwo zu sehen – man trifft sich ja bekanntlicherweise mindestens zweimal im Leben!

1. August-Rede in Büren an der Aare

Dieses Jahr hatte ich die Ehre, in Büren an der Aare die 1. August-Rede 2019 zu halten. Hier meine gestrigen Worte:

Sehr geehrte Gemeinderäte, sehr geehrte Einwohnende von Büren, liebe Gäste

Ich fühle mich sehr geehrt, als Berner Stadtrat von Ihnen eingeladen zu werden. Ich deute das als Zeichen der Versöhnung: Denn wie Sie sich vielleicht erinnern, hat die Stadt Bern 1388 das schöne Städtchen Büren an der Aare erobert. So hoffe ich, falls da noch ungute Gefühle sind, dass diese historische Vergangenheit mit dem heutigen Abend christlich vergeben ist.

Wie Sie wissen bin ich von der EVP, der “elektronischen Volkspartei”. Darum werde ich heute Abend über Digitalisierung reden. Andererseits steht das “E” ja eigentlich für “evangelisch”. Darum werde ich mit dem Thema “Dankbarkeit” einen zweiten, mir wichtigen Punkt aufgreifen.

Digitalisierung

Wir befinden uns in einem Zeitalter von unglaublichen technologischen Veränderungen. Alles passiert enorm schnell. Die Digitalisierung kann niemand aufhalten. Seit erst 12 Jahren gibt es Smartphones, heute haben praktisch alle eines.

Dramatisch ist auch den Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Noch vor wenigen Jahren ist es undenkbar gewesen, was heute Informatik für uns leistet. Die Computer sind heute nicht nur erfolgreicher im Schach spielen oder beim Pokern. Diese Woche wurde bekannt, dass eine grosse amerikanische Bank künftig einen Algorithmus braucht um Werbetexte zu schreiben. Man hat herausgefunden, dass die Texte von der künstlichen Intelligenz erfolgreicher gewesen sind als die von Marketing-Profis.

“Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert” Das ist die Prognose für die digitale Zukunft. Möglich ist das durch maschinelles Lernen, Machine Learning. Damit kann man Sprachen mit dem Smartphone erkennen, Röntgenbilder in der Medizin verstehen, mit Gesichtserkennung die Flughäfen sicherer machen oder selbstfahrende Autos steuern.

Solche selbstlernenden Computer können sehr praktisch sein. Ein Beispiel aus meinem Alltag an der Uni Bern: Für Übersetzungen brauche ich seit einigen Monaten DeepL. Dieser gratis Übersetzungsservice ist so gut, dass ich manchmal Sätze auf Englisch schreibe, sie von DeepL auf Deutsch übersetzen lasse, dann diesen Satz wieder mit DeepL zurück auf Englisch übersetze – und dann ist der neue englische Satz manchmal besser formuliert als mein ursprünglicher Satz. Dafür bin ich sehr dankbar!

Eigentlich ist das alles nichts Neues: Die mathematischen Grundlagen für künstliche Intelligenz gibt es schon seit den 1950er Jahren. Es hat aber bis jetzt die benötigte Rechenleistung gefehlt. Und man hat zu wenige Daten gehabt.

Heute ist das anders: Was denken Sie, wie viele Daten gibt es heute auf der Erde? – Man schätzt, dass es rund 33 Zettabyte sind. Was ist ein Zettabyte? Das ist eine 1 mit 21 Nullen. Oder für die, die es gerne etwas technischer mögen: Sie kennen Megabytes, danach folgen Gigabytes, dann Terrabytes, dann Petabytes, dann Exabytes und dann Zettabytes. Einfach unglaublich viele Daten. Und der Datenberg wächst laufend weiter: Bis im Jahr 2025 werden 175 Zettabyte erwartet, noch einmal fünfmal mehr als heute.

Industrie 4.0

Was hat jetzt all diese Technik mit der Schweiz und dem 1. August zu tun? Sehr vieles. Die fortschreitende Digitalisierung ist eine Chance für unser Land, aber sie löst auch viele Ängste aus. Man redet von der 4. industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, nach der Elektrifizierung und nach der Erfindung des Computers sagt man der heutigen Zeit “Industrie 4.0″.

Es geht um die grundlegende digitale Transformation der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft. Alles wird vernetzt. Überall werden digitale Geräte eingesetzt. Das verändert die Arbeitswelt enorm. Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Das macht verständlicherweise Angst.

Auch das ist aber nicht neu: Im 19. Jahrhundert haben die sogenannten Maschinenstürmer die Fabriken mit den Webmaschinen abgebrannt. Heute werden wegen 5G Mobilfunkmasten gesprengt, wie kürzlich in Morges passiert. Das ist auch eine Form des Widerstands gegen die Digitalisierung. Aber er ist zwecklos.

Niemand bleibt verschont. Auch bei uns an der Uni gibt es grosse Veränderungen. YouTube ist eine Ursache davon. Eine Vorlesung unterrichte ich seit kurzem mit YouTube-Videos. Das ist praktisch, aber es hat auch viel Umdenken als Dozent gebraucht.

Daher lautet meine Empfehlung: Flexibel sein, positiv reagieren, die neuen Möglichkeiten kennenlernen und nutzen. Weil manchmal ergeben sich gerade aus unerwarteten Veränderungen neue Chancen.

Chancen packen

Sie als Bürerinnen und Bürer können das. In den nationalen Medien hat man Anfangs Juli lesen können, dass ein Kornkreis hier in Büren ist entdeckt worden. Das hat natürlich einen Schaden beim Weizen verursacht. Aber die betroffenen Bauern sind schlau gewesen und haben ein Kässeli für die Besuchenden aufgestellt. Ich finde das sehr clever: unternehmerisches Denken praktizieren, dort wo andere sich über den Schaden beklagt hätten.

Dies ist auch bei der Digitalisierung die richtige Antwort: Jede Veränderung hat Chancen. In einem Monat, am 3. September, findet der Digitaltag statt. An diesem Tag werden für die Bevölkerung überall in der Schweiz Hunderte von Anlässe, Vorträgen und Workshops zu Digitalisierungsthemen stattfinden. Das Motto des Tages lautet “Lifelong Learning”, lebenslanges Lernen. Das ist eine weitere wichtige Voraussetzung, dass wir die 4. Industrielle Revolution gut überstehen: Dass wir uns das Leben lang weiterbilden. Das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten ist gross und wächst ständig.

Generell denke ich, dass wir in der Schweiz für die Veränderungen durch die Digitalisierung gut aufgestellt sind: Wir haben mit der direkten Demokratie ein ideales politisches System, eine hohe Beschäftigung, stabile Sozialwerke und gute Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Kurz gesagt, wir können dankbar sein hier in diesem Land zu leben.

Dankbarkeit

Dankbarkeit, was ist das eigentlich? Ein positives Gefühl? Ein Weg zum glücklich werden? Im Internet kann man lesen: “Dankbarkeit macht gesund, leistungsfähig, ausgeglichen und stärkt Beziehungen”. Auch in der Bibel steht, dass Dankbarkeit glücklich macht: “Seid dankbar in allen Dingen”

Selbst die Wissenschaft hat erwiesen, dass Dankbarkeit nicht nur andere ermutigt, sondern dass man sich auch selber glücklicher fühlt, wenn man dankbar ist. Das Fazit einer Studie ist, dass man mit Dankbarkeit sich selber und andere glücklicher macht und dass man dabei nicht Angst vor Peinlichkeiten haben sollte. Fangen wir also bei uns selber an und sagen es anderen, dass wir sie wertschätzen.

Gleichzeitig ist Dankbarkeit nicht selbstverständlich. Häufig jammern wir und beklagen uns über das, was nicht gut läuft. Wir haben Selbstmitleid oder noch schlimmer: Wir sind neidisch auf andere, weil wir denken, dass es denen ja viel besser geht. Eine Forscherkollegin hat nachgewiesen, dass Facebook tendenziell neidisch und unglücklich macht. Man sieht all die tollen Ferienfotos, die glücklichen Familienbilder oder Erfolgsgeschichten seiner Freunde und wird dann entsprechend eifersüchtig. Man vergisst sozusagen, für was man selber dankbar sein könnte.

Dankbarkeit ist zwar nicht selbstverständlich – aber man kann es trainieren. Meine Frau Anita hat da eine clevere Lösung gefunden. Seit einem Jahr schreibt sie sich ab und zu in ein Büchlein, für was sie dankbar ist. Nur ein paar Stichworte. Sie hat schon über 200 Einträge drin. So übt sie für sich einen dankbaren Lebensstil.

Dankbar für meine Familie

Persönlich bin ich sehr dankbar für meine Familie, für Anita, für unsere drei Kinder, für meine Arbeitsstelle, für meinen Freundeskreis, für die Stadt Bern, für die Schweiz, für unser politisches System. Natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was in der Politik geschieht. Aber im Grunde kann ich nach bald 8 Jahren im Berner Stadtrat doch sagen, dass fast alle Politikerinnen und Politiker gute Absichten haben – aber halt einfach unterschiedliche Wege sehen, was man tun sollte.

Und doch gibt es manchmal Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. Umweltzerstörung, Krieg, Terror. Aktuell ist der Tötungsfall im Frankfurter Bahnhof. Besonders schlimm sind Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Solche Ereignisse werfen Fragen auf, für die es keine Antworten gibt.

Ich habe vor viereinhalb Jahre meinen Tiefpunkt gehabt. Es ist tiefer Winter gewesen, der 31. Januar 2015. Meine Schwester ist damals auf einer SAC-Skitour durch eine Lawine gestorben. Das ist bis heute mein schlimmstes Erlebnis gewesen. Und trotzdem hat es auch in dieser Situation Lichtblicke gegeben, für die bin ich dankbar gewesen: Meine Frau und meine Kinder haben mich unterstützt. Die grosse Anteilnahme vieler Freunde und Bekannte. Die heute gute Beziehung zu meinen Eltern. Wir stürmen nicht mehr um Belangloses. Ich kann sagen, die Beziehungen in unserer Familie sind durch das tragische Unglück gewachsen. Wir schätzen einander mehr als vor diesem schlimmen Ereignis. Das Beispiel zeigt, dass man auch in solchen dunklen Momenten Gründe für Dankbarkeit finden kann.

Ich möchte Sie ermutigen für die Zukunft von Büren, vom Kanton Bern, von der Schweiz, von dieser Welt. Zeigen wir unseren Mitmenschen Wertschätzung und Dankbarkeit. Seien wir zufrieden mit dem was wir haben. Aber lasst uns nicht selbstzufrieden werden, nicht bequem oder faul. Sondern bleiben wir am Ball und stellen uns den Veränderungen von dem Leben!

So bin ich dankbar für den heutigen analogen Abend, fürs schöne Wetter, fürs feine Essen – spendiert von der Gemeinde Büren – für die Musik, fürs 1. August Feuer, für die gute Stimmung, fürs Zusammensein.

Häbet e guete Abe miteinander!

SIK Jubiläumsveranstaltung: Positive und kritische Worte zur Informatik der Stadt Bern

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Vor einer Woche hatte ich die Möglichkeit, kurzfristig für Stadtpräsident Alexander Tschäppät bzw. Gemeinderat Reto Nause fürs Grusswort im Erlacherhof an der 40-Jahre Feier der Schweizerischen Informatikkonferenz SIK zu reden. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar positive wie auch kritische Worte über die Informatik der Stadt Bern zu teilen:

Schweizerische Informatikkonferenz (SIK), Feier zum 40-Jahr-Jubiläum,

Donnerstag, 25. Juni 2015, 19 Uhr, Erlacherhof, Bern

Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Geschätzte Damen und Herren

Ich begrüsse Sie herzlich im Garten des Erlacherhofs, dem offiziellen Regierungssitz der Stadt Bern. Es freut mich, dass wir als Stadt Bern Gastgeber für die SIK Jubiläumsveranstaltung sein dürfen.

Ich überbringe Ihnen auch gerne den Gruss von Gemeinderat Reto Nause, der sich aufgrund eines kurzfristigen Spitalaufenthalts für heute Abend leider entschuldigen lassen muss.

Selber bin ich zwar kein Gemeinderat, aber immerhin Mitglied des Stadtberner Parlaments. Dafür bin ich von der passenden Partei, der EVP, was ja neuerdings Elektronische Volkspartei heisst.

Ich nehme an, Sie haben die Besichtigung der Berner Altstadt bzw. des Bundeshauses genossen. Die Altstadt, die ja zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und das Bundeshaus sind zugleich auch die beiden bekanntesten Aushängeschilder der Stadt. Nun sind wir hier im historischen Erlacherhof. Dies ist der wöchentliche Tagungsort des Gemeinderats der Stadt Bern (Exekutive), Sitz des Stadtpräsidenten, der Präsidialdirektion und der Stadtkanzlei. Der Erlacherhof ist geschichtlich und architektonisch das bedeutendste private Bauwerk der Stadt. Gebaut wurde der Stadtpalast im 18. Jahrhundert – also zu Zeiten des Ancien Régime. Damals herrschten in der Stadt Bern die Patrizier.

Anders als das geplante Grusswort des Berner Gemeindesrats möchte ich jetzt die Geschichte von Bern nicht vertiefen und auch nichts über die steigenden Einwohnerzahlen, das sinkende Durchschnittsalter, die beliebtesten Vornamen oder etwa über die Anzahl Kühe, Schweine und Hühner der Stadt Bern sagen.

Sondern, da ich mich als Stadtrat und auch als Forscher und Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern mit Informatik und Digitalisierung beschäftige, nehme ich die Gelegenheit wahr, ein paar Informationen und Gedanken zur IT der Stadt Bern zu teilen. Diese sind möglicherweise auch für andere öffentliche Informatikstellen interessant und relevant.

Ich mache es ganz einfach: Was finde ich positiv, wo habe ich meine Bedenken. Begrüssenswert sind folgende Punkte:

  • Wie viele von Ihnen wissen, bin ich grosser Befürworter von Open Source Software bei Behörden. Von dem her freut es mich sehr, dass die offizielle Informatikstrategie der Stadt Bern den verstärkten Einsatz von Open Source als eine der 5 Zielsetzungen vorsieht und auch tatsächlich umsetzt. Immer mehr IT-Projekte beziehen Open Source Software mit ein, momentan sind es bereits über 20 der rund 60 laufenden IT-Projekte.
  • Zwar nicht mehr neu, dafür seit über 10 Jahren im Einsatz ist die heutige Website der Stadt Bern. Ein Content Management System, das so lange im Einsatz steht, kann schon als digital nachhaltig bezeichnet werden – umso mehr, weil es für den Relaunch nicht komplett neu gebaut werden muss sondern Dank dem Open Source Prinzip bloss ein Update kriegt.
  • Ein positives Beispiel finde ich auch die neue BernBox, eine Art Dropbox für alle 2500 Mitarbeitende. Diese wurde mit internen Ressourcen vollständig auf Open Source Komponenten aufgebaut und ist seit Februar 2015 im produktiven Einsatz. Dabei wird unter anderem OwnCloud, MariaDB und Elasticsearch eingesetzt. Ein sehr innovativer Ansatz, der hoffentlich bald auch in anderen Behörden Anwendung findet.
  • Und sehr mutig finde ich die Initiative der Stadt Bern, sich mit den Städten Zürich und Basel zusammenzuschliessen und gemeinsam die Beschaffung der neuen Fallführungslösung im Sozialwesen vorzunehmen. Im neu gegründeten Verein CitySoftNet wird erstmals eine wichtige Fachanwendung gemeinsam mit anderen Behörden beschafft – ein verständlicherweise nicht einfacher dafür umso sinnvollerer Weg.

Nach so viel Lob noch zwei negative Punkte:

  • Ich finde es sehr schade, dass man es in der Stadt Bern vor drei Jahren verpasst hat, einen sinnvollen Standort der Server-Infrastruktur zu wählen. Anstelle sich bei einem der zahlreichen und hochprofessionellen Housing-Anbietern im Raum Bern einzumieten, hat die Stadt Bern beschlossen, für zig Millionen ein eigenes, neues Rechenzentrum zu bauen. Im Vergleich zum Bedag-RZ oder dem neuen Swisscom-RZ im Wankdorf ist das in Bern bloss ein Rechenzimmer, kein Zentrum. Dieses Geld hätte man anstelle von Dieselgeneratoren und Klimaanlagen besser in IT-Fachleute oder die dringenden E-Government Projekte investiert.
  • Auch kritisch sehe ich die anhaltende Abhängigkeit der Stadtinformatik von den einschlägigen IT-Anbietern, die sich fortlaufend über freihändige Vergaben für ihre proprietären Produkte freuen dürfen. Alleine in der Stadt Bern zahlen wir jährlich mehrere Millionen für Software-Lizenzen. Die Preise werden von den Herstellern diktiert. Diese Abhängigkeiten sollten systematisch reduziert werden indem Open Source Alternativen gefördert werden.

Meine These ist: Wenn die öffentliche Hand GEMEINSAM nur einen Bruchteil vom Geld, das sie den IT-Herstellern jährlich an Lizenzpreisen bezahlt, in den Aufbau einer Open Source Büroautomatisation stecken würde, hätte man innerhalb kurzer Zeit einen modernen und kostenlos skalierbaren Workplace bereit. Wie Balthasar Glättli heute Nachmittag ausgeführt hat, ist dies sehr im Sinne der digitalen Nachhaltigkeit der öffentlichen Informatik. Die SIK könnte da eine entscheidende Führungs- und Koordinations-Rolle übernehmen, was ich für nächsten Jahre als sehr wichtig empfinde. Nur so können wir als kleine Schweiz den gigantischen Firmen die Stirn bieten.

Nun aber genug der Worte zu Stadtinformatik und Open Source. Gemäss Regieanweisung hätte ich diesen Begriff sowieso nur maximal 2x erwähnen dürfen! Ich schliesse hiermit und sage: Prost beim Apéro – lang und digital nachhaltig lebe die SIK!

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

1. August-Rede 2013 in Bümpliz-Bethlehem, dem vielfältigsten Stadtteil von Bern

Zusammenfassung von Christof Erne im EVP Info 2013/3

Liebe Bümplizerinnen und Bümplizer, liebe Gäste

Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung, hier in Bümpliz die 1. August-Rede halten zu dürfen. Ich wohne mit meiner Frau Anita und unseren drei Kindern in Oberbottigen bei Chäs und Brot. Wie man nachlesen kann, wurde dort angeblich im Jahre 1339 das Schweizerkreuz erfunden! Damals haben die Eidgenossen in der Schlacht bei Laupen gegen die Habsburger gekämpft. Unsere Leute haben sich bei Chäs und Brot für den Kampf gestärkt. Sie haben weisse Kreuze aus Tüchern an ihren Rüstungen angebracht um sich auf dem Schlachtfeld zu erkennen. So viel zur Geschichte.

Zurück zur Gegenwart: Der Stadtteil VI Bümpliz-Oberbottigen ist mit über 33’000 Einwohnern der grösste Stadtteil von Bern – und auch der vielfältigste! Unser Stadtteil hat mit 4500 Kindern und Jugendlichen deutlich am meisten Junge. Mit über 6500 Senioren wohnen bei uns aber auch am meisten alte Einwohner.

Aus der Geschichte von Bümpliz wissen wir, dass unser Dorf vor ziemlich genau 100 Jahren bankrott war. Ich stelle mir vor, dass es für die Menschen hier eine sehr schwierige Zeit war, voll von Unsicherheit und Zukunftsängsten. Es konnte schliesslich ein Ausweg gefunden werden: Bümpliz wurde 1918 von der Stadt Bern eingemeindet.

Heute ist Bümpliz in Aufbruchstimmung: Hunderte von neuen Wohnungen sind in den letzten 10 Jahren hier in Brünnen entstanden. Bis 2018 werden in den neuen Häusern rund 2000 Menschen leben. Und auch ein neues Schulhaus und eine Doppelturnhalle werden hier schon bald gebaut.

Wie bekannt ist, wohnen in Bümpliz auch am meisten Ausländer der Stadt Bern: ganze 31% haben einen ausländischen Pass.

À propos Pass: Ich habe letzte Woche einen neuen Pass bestellt, drum bin ich rasch zur Passstelle gegangen, habe mir die Fingerabdrücke nehmen lassen und ein Passfoto machen lassen, bezahlte die Gebühren und nach 5 Minuten war die Sache fertig. Gestern habe ich nun meinen biometrischen Schweizerpass abholen können.

Mir ist dabei einmal mehr bewusst geworden: Für dass ich heute Schweizer bin, habe ich nichts geleistet. Das ist reines Schicksal. Ich hätte genausogut auf einer Abfallhalde in einem armen Land auf die Welt kommen können.

Ich möchte eine indiskrete Frage stellen: Wer von Ihnen hat einen Schweizer Pass? [ich halte Hand hoch] Und wer hat eine ausländische Staatsbürgerschaft? [ich halte Hand nochmals hoch] Ja, wie Sie sehen habe ich neben dem roten Büchlein auch einen ausländischen Pass. Mein Vater kommt aus Deutschland. Ich bin halber Ausländer – wie viele hier in Bümpliz.

Wie können wir als Gemeinschaft zusammenleben mit unterschiedlicher Herkunft, Sprachen, Alter, Religion? Was hält uns zusammen? Sind es politische Meinungen, Weltanschauungen oder Ideologien? Ich bin überzeugt: Es sind unsere Werte. Was ist uns wichtig, was wir vorleben, was wir von anderen erwarten.

Die EVP hat vor einigen Jahren neun Grundwerte formuliert. Es ist eine Zusammenstellung von bekannten Werten: Glaubwürdigkeit, Verantwortung, Selbstbeschränkung, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Frieden, Zielorientierung, Nachhaltigkeit und Solidarität. Auf diesem kleinen Faltblatt sind sie beschrieben.

Ich möchte einige Worte zum Thema Wertschätzung sagen: Wertschätzung ist wichtig für das Zusammenleben hier in der Nachbarschaft in Bümpliz, aber auch für unseren Alltag in den Ehen, Familien, in den Wohngemeinschaften, beim Job, in der Schule und in der Freizeit. Warum? Weil wir mit Wertschätzung anerkennen, welchen Beitrag andere für die Gemeinschaft leisten – auch wenn die Leistung noch so klein und unauffällig ist.

Mir ist der Moment geblieben, als ich vor über 10 Jahren als Student an der Uni Bern einmal auf dem WC die Hände gewaschen habe und dort eine Putzfrau die WCs geputzt hat. Aus irgend einem Grund, ohne zu überlegen, habe ich ihr spontan „Merci“ gesagt. Die Frau ist zuerst total überrascht gewesen und freute sich dann riesig. Das sei ihr noch nie passiert, dass ihr jemand auf dem WC „Merci“ gesagt hatte!

Mein Vorschlag: Wenn Sie das nächste Mal einer Putzfrau oder einem Strassenarbeiter oder sonst jemandem begegnen, der einen Beitrag an die Gesellschaft leistet, sagen Sie doch mal einfach spontan „Merci“. Es braucht etwas Überwindung, aber ich bin sicher, es lohnt sich für die Person – und auch für Sie!

Es gibt kein Gesetz, das uns zwingt Wertschätzung zu zeigen. Man kann auch ohne Dankbarkeit durch den Alltag gehen – man bleibt einfach etwas einsam und hat weniger vom Leben. Ich bin überzeugt, wenn wir anderen eine anerkennende Haltung entgegen bringen, werden wir mit positiven Begegnungen belohnt. Häufig sind es ja die kleinen Dinge, die unsere Gesellschaft zusammenhalten – oder eben auch auseinanderbringen.

In den vergangenen Tagen geschahen einige Ereignisse, die mich nachdenklich gestimmt haben. Letzte Woche beging Swisscom-Chef Carsten Schloter Selbstmord. Er hinterlässt drei Kinder. Ein schlimmes Zugunglück in Spanien hat über 80 Menschen das Leben gekostet. Bei einem der schwersten Busunfälle sind fast 40 Menschen in Süditalien gestorben. Und diese Woche ist auch in der Schweiz ein Zugunglück mit einem Todesopfer geschehen.

Solche Hiobsbotschaften lassen uns nachdenken über die Beziehungen zu unseren Mitmenschen und machen uns bewusst, wie vergänglich das Leben ist. Wir könnten uns jetzt fragen: Warum geschehen solche Dinge? Warum lässt Gott das zu? Oder wir können solche Ereignisse als Anlass nehmen, in unsere eigenen Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu investieren. Dass wir im Alltag mehr Dankbarkeit und Wertschätzung zeigen und so die kurze Zeit, die wir hier auf der Erde verbringen, gewinnbringend für alle einzusetzen.

Wertschätzung hat auch damit zu tun, dass man seine Nachbarn kennt und sich für ihre Lebensgeschichte interessiert. Oder dass man mal neue Leute trifft, beispielsweise bei einem Essen. Dazu eine kurze Geschichte:

Eine Frau, auf Reisen in einer fremden Stadt, bekommt Hunger. Sie geht in das Bahnhofbuffet und kauft eine Gulaschsuppe. Ihren Teller stellt sie auf einen leeren Bistrotisch. Da merkt sie, dass sie vergessen hat, einen Löffel mitzunehmen. Sie geht zur Kasse zurück, holt sich einen Löffel und will zu ihrem Teller zurückkehren.

Da meint sie, nicht recht zu sehen: Am Tisch sitzt ein Farbiger und beginnt gerade, ihre Gulaschsuppe zu löffeln. Blitzschnell überlegt sie, was sie jetzt tun könnte. Sie geht zum Tisch und blickt dem Mann fest in die Augen. Der ist zuerst etwas irritiert. Er lächelt ihr dann aber freundlich einladend zu und löffelt weiter. Da nimmt die Frau all ihren Mut zusammen und taucht auch ihren Löffel in die Suppe. Schweigend löffeln sie zusammen aus dem gleichen Teller.

Die Atmosphäre lockert sich. Er lächelt. Sie lächelt zurück und findet es sogar schön: mit einem fremden Menschen, noch dazu einem Mann, ja noch dazu einem Farbigen so zusammen aus einem Teller zu löffeln.

Irgendwann ist der Teller leer. Der Mann lächelt noch einmal, verbeugt sich und sagt leise „Merci“. Als er gegangen ist, hängt sie ihren Gedanken nach. So sollte es öfter sein, sagt sie sich. Ich sollte grosszügiger und offener sein. Ich hatte zwar nur einen halben Teller. Dafür aber bleibt eine gute Begegnung, Zufriedenheit für den ganzen Tag, ein richtig gutes Gefühl, einem anderen Menschen begegnet zu sein.

Plötzlich merkt die Frau: Ihre Handtasche ist weg. Sie hatte sie doch neben sich auf den Tisch gestellt. Ihre Stimmung schlägt sofort um. Da hat sie doch diesen Mann mitessen lassen und als Dank dafür hat er sie bestohlen. Sie ist so richtig auf seine freundlichen Augen hereingefallen. Sie ist voller Wut und Enttäuschung. Was soll sie nun tun? Der Mann ist schon lange weg, den erwischt sie nicht mehr. Das soll ihr eine Lehre sein. So fies betrogen zu werden gerade dann, als sie besonders freigebig war. In ihrer Verzweiflung blickt sie sich nach Hilfe um.

Da schaut sie zum Nachbartisch. Dort ist ihre Handtasche. Auf dem Tisch steht ein Teller, voll mit Gulaschsuppe.*

Der Mann hat mit der Frau seinen Teller Gulaschsuppe geteilt, nicht umgekehrt. Kennen Sie solche Momente, wenn Ihnen bewusst wird, dass Sie jemanden zu Unrecht verdächtigt haben? Mir kommt die Geschichte bekannt vor. Auch ich beschuldige manchmal Leute zu Unrecht – meistens nur in Gedanken, aber auch das ist nicht gut.

Ich wünsche mir, dass ich im Alltag den Menschen ohne Vorurteile, dafür mit Wertschätzung und Anerkennung begegnen kann. Wenn wir als Gemeinschaft, als Quartier und als Stadt diese Haltung einnehmen, dann können wir unsere Gesellschaft zum Guten verändern. Ist das nicht, was wir alle wollen?

Ich wünsche Ihnen heute Abend nun weiterhin ein gemütliches Beisammensein und in den nächsten Tagen und Wochen viele wertvolle, spontane Begegnungen mit Ihren Mitmenschen!