Sie betrifft uns alle: Digitale Transformation

tcbe.ch Focus 2016 Editorial von Matthias StürmerEditorial tcbe.ch FOCUS 2016

Vielleicht haben auch Sie während der Sommermonate den digitalen Graben beim Casinoplatz beobachtet: Während die einen nichtsahnend gemütlich flanierend durch die Berner Altstadt bummelten, drückten andere am gleichen Ort nervös auf ihren Smartphones rum und versuchten virtuelle Pokémons zu fangen. Dieses Game, das die Realität durch digitale Spielfiguren erweitert, lässt seit einigen Wochen Jung und Alt spielerisch die Stadt Bern erkunden.

Augmented Reality wird bei Pokémon GO als lustige Unterhaltung angewendet, ist aber gleichzeitig auch eine wegweisende Technologie für die heutige Industrie. Mit Augmented Reality lassen sich beispielsweise E-Learning Anwendungen realisieren, mit denen die Bedienung und Wartung komplexer Maschinen deutlich einfacher wird.

Digitalisierung findet auch im Gesundheitswesen statt, sei es in der Medizininformatik oder bei der Verwaltung von Arztpraxen und Kliniken. Spannende Projekte wie jenes der Berner Fachhochschule zum „Spital der Zukunft“ werden in der aktuellen Ausgabe des tcbe.ch FOCUS beschrieben. Grosse Veränderungen stehen ebenfalls bei der öffentlichen Verwaltung und im Bildungssektor an. Solche neuen digitalen Möglichkeiten lassen Städte und Gemeinden stetig „smarter“ werden, wie der Beitrag in der aktuellen FOCUS-Ausgabe über Smart Cities zeigt.

Auch beim tcbe.ch hat es einige Veränderungen gegeben. Anfang dieses Jahres ist der bisherige Präsident Dr. Christoph Zimmerli nach 5 Jahren zurückgetreten, bekleidet aber weiterhin im Vorstand als Kassier ein wichtiges Amt. Seit der Hauptversammlung im Februar 2016 darf ich als Präsident dem tcbe.ch vorstehen. Ich habe diese Aufgabe gerne angenommen, da es mir neben meiner Tätigkeit am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern sowie als Berner Stadtrat ein wichtiges Anliegen ist, die regionale ICT-Branche und auch generell die Digitalisierung in Wirtschaft, Verwaltung und Bildung zu fördern.

An Aktivitäten beim tcbe.ch mangelt es nicht: Zahlreiche Anlässe werden noch dieses Jahr stattfinden oder sind für das nächste bereits geplant, wie die Veranstaltungen 2016/2017 aufzeigen. Dort stehen aktuelle Themen wie Cyber Security, Open Source Software, Sharing Economy und Bitcoin/Blockchain auf der Agenda.

Auch auf strategischer Ebene wollen wir uns als tcbe.ch weiterentwickeln. So sollen erstens unsere Tätigkeiten noch stärker das Networking im Fokus haben, denn in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, die richtigen Personen zu kennen – und umgekehrt ihnen bekannt zu sein! Zweitens soll der Informationsaustausch und Wissenstransfer rund um ICT ermöglichen, dass neue Trends und Technologien frühzeitig verstanden und Chancen erkannt werden. Und drittens wollen wir uns regional einen klar definierten Perimeter vorgeben, in dem wir unsere Aktivitäten durchführen.

Weil Digitalisierung nicht an den Berner Kantonsgrenzen aufhört und wir gleichzeitig mit dem Chapter Solothurn erste äusserst positive Erfahrungen machen durften, hat der Vorstand beschlossen, dass der tcbe.ch künftig die gesamte Hauptstadtregion Bern, Fribourg, Neuenburg, Solothurn und Wallis abdecken wird. In den nächsten Monaten werden wir deshalb beginnen, Kontakte zu ICT-Unternehmen in Thun, Biel und Brig zu knüpfen und mit bestehenden regionalen ICT-Verbänden zu kooperieren, um weitere tcbe.ch-Chapters anstossen zu können. Selbstverständlich ist dabei auch Eigeninitiative von Firmen, die sich im tcbe.ch engagieren wollen, sehr willkommen. Eine erste Zwischenbilanz dieser neuen Strategie werden wir an der kommenden Generalversammlung am 21. Februar 2017 ziehen.

Nun wünschen wir Ihnen eine informative und unterhaltsame Lektüre des neuen tcbe.ch FOCUS – momentan noch ohne farbige Pokémons, dafür ganz traditionell analog auf Papier!

Dr. Matthias Stürmer, Präsident tcbe.ch – ICT Cluster Bern, Switzerland

Smartphone Apps zum Guten und Schlechten

Editorial EVP Info September 2016

Unser Leben hat sich rasant verändert seit Apple vor bald 10 Jahren das erste iPhone auf den Markt gebracht hat. Am Anfang war es eine Spielerei für ein paar wenige, unterdessen besitzen bereits drei von vier Schweizern ein Smartphone. Täglich verbringen wir viel Zeit damit: Laut einer aktuellen Studie benützen durchschnittliche Anwender ihr Smartphone während über zwei Stunden 76 Mal pro Tag. Oft werden Games gespielt (Pokémon Go lässt grüssen…) oder Facebook genutzt. Manche Anwendungen (kurz: Apps) können aber auch einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen.

So hat die Stadt Zürich vor drei Jahren die App „Züri wie neu“ lanciert. Damit lassen sich Infrastrukturschäden wie Schlaglöcher, kaputte Parkbänke oder defekte Ampeln melden. Die bis jetzt über 8500 Meldungen zeigen, dass die Anwendung einem Bedürfnis entspricht, rasch und unkompliziert Schäden zu melden. Neue Technologien verbessern so die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger. Solche Apps sind ausserdem eine Chance für die Verwaltung, in der heutigen anonymen Zeit wieder mehr Bürgernähe zu schaffen. So soll auch in der Stadt Bern dieses System getestet werden, wie die EVP in einem aktuellen, interfraktionellen Vorstoss fordert.

Die digitale Transformation unserer Gesellschaft hat leider auch ihre Schattenseiten. In der Schule ist zum Beispiel Cyber Mobbing eine ernstzunehmende Realität. Jugendliche können heutzutage mittels Klassen-Chats auf WhatsApp und Facebook rund um die Uhr gemobbt werden. Oder „Sexting“, das Versenden von Nacktfotos um seine Liebe zu beweisen, ist heute bei Teenagern oftmals eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Beziehung auseinander geht, können solche Bilder rasch unkontrolliert weitergeleitet werden. Umso wichtiger ist Prävention durch Ausbildung in den Schulen. Lehrkräfte müssen dem Thema Medienkompetenz genügend Raum bieten, damit die Schüler das Potential, aber auch die Gefahren der digitalen Medien verstehen und diese sinnvoll einsetzen können.

Gelingt dies, besitzt die neue Generation von „Digital Natives“ die Chance, heutige städtische Probleme in Zukunft auf innovative Weise zu lösen. Die Prinzipien der „Sharing Economy“ erlauben beispielsweise das einfache Teilen von Autos (siehe Sharoo). Belegen heute viele Wagen in der Stadt grosse Parkplatzflächen, benötigen ideal geteilte Autos künftig viel weniger Parkplätze. Die Umsetzung von solchen Diensten wird durch intuitiv bedienbare Smartphone Apps ermöglicht – eingesetzt zum Guten.

Rundschau über IT-Beschaffungen beim Bund und Abhängigkeiten von Software-Herstellern

In der aktuellen SRF Rundschau-Sendung wurde über unser Forschungsprojekt mit simap.ch Daten berichtet. Zu diesem Anlass haben wir auch das Portal www.beschaffungsstatistik.ch veröffentlich in dem erstmals alle Zuschläge von Auftraggebern und Anbietern in aggregierter Form zugänglich sind. Zahlreiche weitere Medien haben über unsere neuen Beschaffungszahlen berichtet:

SIK Jubiläumsveranstaltung: Positive und kritische Worte zur Informatik der Stadt Bern

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Vor einer Woche hatte ich die Möglichkeit, kurzfristig für Stadtpräsident Alexander Tschäppät bzw. Gemeinderat Reto Nause fürs Grusswort im Erlacherhof an der 40-Jahre Feier der Schweizerischen Informatikkonferenz SIK zu reden. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar positive wie auch kritische Worte über die Informatik der Stadt Bern zu teilen:

Schweizerische Informatikkonferenz (SIK), Feier zum 40-Jahr-Jubiläum,

Donnerstag, 25. Juni 2015, 19 Uhr, Erlacherhof, Bern

Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Geschätzte Damen und Herren

Ich begrüsse Sie herzlich im Garten des Erlacherhofs, dem offiziellen Regierungssitz der Stadt Bern. Es freut mich, dass wir als Stadt Bern Gastgeber für die SIK Jubiläumsveranstaltung sein dürfen.

Ich überbringe Ihnen auch gerne den Gruss von Gemeinderat Reto Nause, der sich aufgrund eines kurzfristigen Spitalaufenthalts für heute Abend leider entschuldigen lassen muss.

Selber bin ich zwar kein Gemeinderat, aber immerhin Mitglied des Stadtberner Parlaments. Dafür bin ich von der passenden Partei, der EVP, was ja neuerdings Elektronische Volkspartei heisst.

Ich nehme an, Sie haben die Besichtigung der Berner Altstadt bzw. des Bundeshauses genossen. Die Altstadt, die ja zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und das Bundeshaus sind zugleich auch die beiden bekanntesten Aushängeschilder der Stadt. Nun sind wir hier im historischen Erlacherhof. Dies ist der wöchentliche Tagungsort des Gemeinderats der Stadt Bern (Exekutive), Sitz des Stadtpräsidenten, der Präsidialdirektion und der Stadtkanzlei. Der Erlacherhof ist geschichtlich und architektonisch das bedeutendste private Bauwerk der Stadt. Gebaut wurde der Stadtpalast im 18. Jahrhundert – also zu Zeiten des Ancien Régime. Damals herrschten in der Stadt Bern die Patrizier.

Anders als das geplante Grusswort des Berner Gemeindesrats möchte ich jetzt die Geschichte von Bern nicht vertiefen und auch nichts über die steigenden Einwohnerzahlen, das sinkende Durchschnittsalter, die beliebtesten Vornamen oder etwa über die Anzahl Kühe, Schweine und Hühner der Stadt Bern sagen.

Sondern, da ich mich als Stadtrat und auch als Forscher und Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern mit Informatik und Digitalisierung beschäftige, nehme ich die Gelegenheit wahr, ein paar Informationen und Gedanken zur IT der Stadt Bern zu teilen. Diese sind möglicherweise auch für andere öffentliche Informatikstellen interessant und relevant.

Ich mache es ganz einfach: Was finde ich positiv, wo habe ich meine Bedenken. Begrüssenswert sind folgende Punkte:

  • Wie viele von Ihnen wissen, bin ich grosser Befürworter von Open Source Software bei Behörden. Von dem her freut es mich sehr, dass die offizielle Informatikstrategie der Stadt Bern den verstärkten Einsatz von Open Source als eine der 5 Zielsetzungen vorsieht und auch tatsächlich umsetzt. Immer mehr IT-Projekte beziehen Open Source Software mit ein, momentan sind es bereits über 20 der rund 60 laufenden IT-Projekte.
  • Zwar nicht mehr neu, dafür seit über 10 Jahren im Einsatz ist die heutige Website der Stadt Bern. Ein Content Management System, das so lange im Einsatz steht, kann schon als digital nachhaltig bezeichnet werden – umso mehr, weil es für den Relaunch nicht komplett neu gebaut werden muss sondern Dank dem Open Source Prinzip bloss ein Update kriegt.
  • Ein positives Beispiel finde ich auch die neue BernBox, eine Art Dropbox für alle 2500 Mitarbeitende. Diese wurde mit internen Ressourcen vollständig auf Open Source Komponenten aufgebaut und ist seit Februar 2015 im produktiven Einsatz. Dabei wird unter anderem OwnCloud, MariaDB und Elasticsearch eingesetzt. Ein sehr innovativer Ansatz, der hoffentlich bald auch in anderen Behörden Anwendung findet.
  • Und sehr mutig finde ich die Initiative der Stadt Bern, sich mit den Städten Zürich und Basel zusammenzuschliessen und gemeinsam die Beschaffung der neuen Fallführungslösung im Sozialwesen vorzunehmen. Im neu gegründeten Verein CitySoftNet wird erstmals eine wichtige Fachanwendung gemeinsam mit anderen Behörden beschafft – ein verständlicherweise nicht einfacher dafür umso sinnvollerer Weg.

Nach so viel Lob noch zwei negative Punkte:

  • Ich finde es sehr schade, dass man es in der Stadt Bern vor drei Jahren verpasst hat, einen sinnvollen Standort der Server-Infrastruktur zu wählen. Anstelle sich bei einem der zahlreichen und hochprofessionellen Housing-Anbietern im Raum Bern einzumieten, hat die Stadt Bern beschlossen, für zig Millionen ein eigenes, neues Rechenzentrum zu bauen. Im Vergleich zum Bedag-RZ oder dem neuen Swisscom-RZ im Wankdorf ist das in Bern bloss ein Rechenzimmer, kein Zentrum. Dieses Geld hätte man anstelle von Dieselgeneratoren und Klimaanlagen besser in IT-Fachleute oder die dringenden E-Government Projekte investiert.
  • Auch kritisch sehe ich die anhaltende Abhängigkeit der Stadtinformatik von den einschlägigen IT-Anbietern, die sich fortlaufend über freihändige Vergaben für ihre proprietären Produkte freuen dürfen. Alleine in der Stadt Bern zahlen wir jährlich mehrere Millionen für Software-Lizenzen. Die Preise werden von den Herstellern diktiert. Diese Abhängigkeiten sollten systematisch reduziert werden indem Open Source Alternativen gefördert werden.

Meine These ist: Wenn die öffentliche Hand GEMEINSAM nur einen Bruchteil vom Geld, das sie den IT-Herstellern jährlich an Lizenzpreisen bezahlt, in den Aufbau einer Open Source Büroautomatisation stecken würde, hätte man innerhalb kurzer Zeit einen modernen und kostenlos skalierbaren Workplace bereit. Wie Balthasar Glättli heute Nachmittag ausgeführt hat, ist dies sehr im Sinne der digitalen Nachhaltigkeit der öffentlichen Informatik. Die SIK könnte da eine entscheidende Führungs- und Koordinations-Rolle übernehmen, was ich für nächsten Jahre als sehr wichtig empfinde. Nur so können wir als kleine Schweiz den gigantischen Firmen die Stirn bieten.

Nun aber genug der Worte zu Stadtinformatik und Open Source. Gemäss Regieanweisung hätte ich diesen Begriff sowieso nur maximal 2x erwähnen dürfen! Ich schliesse hiermit und sage: Prost beim Apéro – lang und digital nachhaltig lebe die SIK!

40 Jahre Schweizerische Informatikkonferenz, Erlacherhof, 25. Juni 2015

Digitale Kompetenzen in Stadtberner Schulen

Editorial in EVP Info 1/2015 Stadt Bern

Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sind in unserer Gesellschaft schon heute wichtig und werden in Zukunft noch wichtiger. Eine besonders zentrale Rolle spielt ICT im Bildungsbereich, wo die nächsten Generationen ausgebildet werden. Die Gefahr besteht jedoch, dass sich durch ungleiche Voraussetzungen ein „digitaler Graben“ bildet, also Unterschiede zwischen den sozialen Schichten auch bezüglich ICT-Fähigkeiten zunehmen. Ich bin deshalb überzeugt, dass digitale Kompetenzen allen Schülerinnen und Schülern in gleichem Umfang möglichst früh gelehrt werden müssen um von Anfang an die Chancengleichheit sicherzustellen.

Dies sieht auch der Lehrplan 21 vor, der den beiden Bereichen Medien und Informatik einen hohen Stellenwert beimisst. Informatik- und Medienkompetenz wird als vierte Kulturtechnik verstanden, die neben Schreiben, Lesen und Rechnen zu den Grundkompetenzen gehören, welche die Volksschule zu vermitteln hat. Konkret bedeutet dies, dass die Lernenden beispielsweise die Möglichkeiten und Risiken von sozialen Medien kennen und den bewussten Umgang damit beherrschen. Bei der Informatikkompetenz sollen die Funktionsweise von Anwendungen und die Entwicklung von kleinen Software-Programmen erlernt werden.

Wie ist nun die heutige Informatiksituation in den Berner Schulen? 2006 hat die Stimmbevölkerung den 8.5 Millionen Franken Kredit für eine neue Schulinformatik genehmigt. Mit dem Programm „base4kids“ haben die rund 8000 Stadtberner Schulkinder nun seit 2009 Zugang zu Computer und Internet. In insgesamt 46 Schulhäuser stehen zur Zeit 2100 Laptops und PCs, die mit einem pädagogischem Konzept im Unterricht eingesetzt werden. Das ist eine gute, aber nicht ausreichende Grundausrüstung für die Zukunft, denn an vielen Schulen ist der Internetanschluss noch zu langsam und sind zu wenige Arbeitsgeräte vorhanden.

Damit die junge Generation einen gleichberechtigten Zugang zur digitalen Welt erhalten kann, sind neben einer besseren Infrastruktur vor allem auch neue Lernformen notwendig. Um einen selbstbewussten Umgang mit Informatik zu gewinnen, ist es meines Erachtens wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler grundlegende Erfahrungen in der Programmierung von einfachen Anwendungen machen können. Mit zahlreichen kostenlosen Lernmittel auf www.code.org oder www.codeschool.com ist es heute möglich, die Konzepte der Software-Entwicklung spielerisch kennen zu lernen. Nutzen wir also die Chance und lassen unsere Kinder die nötigen Fähigkeiten für die digitale Welt der Zukunft erlernen!

EVP: das ist (auch) die *elektronische* Volkspartei!

Natürlich heisst meine Partei EVP nicht “elektronische Volkspartei”, sondern “evangelische Volkspartei”. Aber immerhin konnte ich in den letzten Jahren intern wie auch extern einige Digital-Themen in der Politik platzieren. Jüngstes Beispiel ist der Vorstoss zu mehr Open Source Software an Berner Schulen, der im obigen Berner Zeitung Artikel (siehe auch PDF) portraitiert ist. Aufgrund meiner Tätigkeit als Geschäftsleiter der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit wurde ich im vergangenen EVP Akzente zum nachhaltigen Umgang mit ICT interviewt:


Besonders gefreut hat mich, dass die EVP in ihrem neuen Parteiprogramm gleich zwei meiner digitalen Kernforderungen übernommen hat (siehe S. 59):

  • Das Öffentlichkeitsprinzip* konsequent durchsetzen. Wir unterstützen Initiativen für frei zugängliche Verwaltungsdaten (Open Government Data).
  • In der Verwaltung quelloffene Software (Open Source*) gegenüber proprietärer Software bevorzugen. Intern entwickelte Software ist unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen. [...]

Glossar

Öffentlichkeitsprinzip: Prinzip, wonach jedermann Anspruch auf Zugang zu amtlichen Dokumenten hat, sofern nicht überwiegende öffentliche der private Interessen einer Veröffentlichung entgegenstehen.
Open Source: Quelloffene Computerprogramme, die kostenlos genutzt werden dürfen

Interviews, Vortrag und Paper zu digitaler Nachhaltigkeit

Nach gut einem Jahr Aufbauarbeit konnte im August 2014 die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit endlich mit eigener Website und mit offizieller Medienmitteilung der Universität Bern richtig lanciert werden. Seither gabs Berichte (Der Bund, 4. September 2014) und Interviews (Swisscom-Blog, 2. Oktober 2014) über die Stelle und das Thema, was mich sehr freute (ein weiteres Interview ist in Produktion).

Heute hielt ich an der Semantic MediaWiki Conference in Wien ausserdem den Vortrag “Digital sustainability of open source communities“, in dem ich die 6 Charakteristiken aus dem kurzen ICEGOV 2014 Paper “Characteristics of Digital Sustainability” vorstellte. Urs Binggeli trug zum Vortrag die geniale Idee bei, die Voyager Golden Record mit dem Konzept der digitalen Nachhaltigkeit zu verbinden:

Das waren die Folien des Vortrags:

Teurer Luxus: Stadt Bern gönnt sich ein 5-Millionen-Rechenzimmer

 

Alles Weibeln und Stürmen hat es nicht verhindert: Das neue 5-Millionen-Rechenzimmer der Berner Stadtinformatik. Nachdem ich im Juni noch mit SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP und GB/JA! die Interpellation “Wurde die externe Einmietung anstelle des Neubaus von zwei städtischen Rechenzentren wirklich seriös geprüft?” eingereicht hatte, lehnte gestern vor allem wegen SP und Grünem Bündnis sowie einigen GLP-Parlamentariern der Berner Stadtrat die externe Einmietung eines Rechenzentrums ab. Tja, und so werden nun zig Millionen Steuergelder in teure Dieselstromgeneratoren, Klimaanlagen, Sicherheitssysteme etc. investiert obwohl auf dem Platz Bern gut ein halbes Dutzend viel grössere und modernere Rechenzentren bereits bestehen oder gebaut werden.

Der Bund und die Berner Zeitung haben heute bereits darüber berichtet. Hier die Notizen meines Votums zum gestrigen Änderungsantrag:

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Änderungsantrag zum Beer-Haus Kredit betreffend Rechenzentrum

Matthias Stürmer (EVP), 29. November 2012

Änderungsantrag

Die Vorlage „Beer-Haus: Baumassnahmen für den Einzug der Stadtverwaltung; Baukredit“ wird wie folgt geändert:

  • Das Geschäft wird aufgeteilt. Die Baumassnahmen ausser denen im Zusammenhang mit dem Rechenzentrum werden wie geplant durchgeführt.
  • Der Ausführungskredit wird um den Mieterausbau Rechenzentrum von 4’985’000 Franken gekürzt.
  • Die Rechenzentrumsleistungen für die Stadt Bern werden öffentlich ausgeschrieben.

Votum

Ich kann verstehen, wenn sich nicht alle Stadträte für Rechenzentren und IT interessieren, aber es ist ein wichtiges 5-Millionen-Franken-Geschäft, deshalb möchte ich um eure Aufmerksamkeit bitten. Ein Hinweis gleich zu Beginn: Ich habe keinerlei geschäftliche Beziehungen zu Colocation-Anbieter. Von einem Studienkollegen, der ein Rechenzentrum betreibt, habe ich sogar die Wahlspende wieder zurücküberwiesen um hier gänzlich ohne eigenen Interessen reden zu können.

Für mich gibt es zusammengefasst drei Hauptgründe für eine öffentliche Ausschreibung der städtischen Rechenzentrumsleistungen:

Grund 1: Auslagerung des Rechenzentrums wurde nie ernsthaft geprüft

Wir hatten bereits im Juni eine dringliche Interpellation im Juni eingereicht sodass Zeit genug gewesen wäre um Transparenz zu schaffen und genauere Offerten einzuholen. Aber eigentlich begann das Problem schon viel früher. Der Gemeinderat hatte von Anfang an das Rechenzentrum ins Beerhaus übernehmen wollen, wie mir der Generalsekretär letzte Woche mündlich bestätigte. Somit wurde nie ernsthaft geprüft, ob – wie heute alle Banken und andere Unternehmen in der Privatwirtschaft – auch die Stadt ihre eigenen Server in einem externen Rechenzentrum aufstellen sollte.

Es gibt im Raum Bern zig Rechenzentren, sowohl von der Privatwirtschaft als auch von Behörden-nahen Organisationen wie der Bedag oder dem BIT. Die haben riese Server-Farmen und könnten locker die paar Rechner der Stadt Bern reinnehmen. Oder auch die Swisscom investiert in den Standort Bern: 2014, genau wenn das neue Rechenzentrum in Betrieb genommen werden sollte, wird im Wankdorf ein hochmodernes 100-Millionen-Rechenzentrum eröffnet.

Aber jetzt ist man wegen Sanierungsmassnahmen plötzlich wieder unter Zeitdruck seitens des Gemeinderats: es werden horrende Summen für eine allfällige Überbrückung an die Wand gemalt. Gleichzeitig hat der Gemeinderat die relevanten Zahlen der Kommission nie gegeben. Erst nachdem ich selber mehrmals nachgehakt hatte, bekam ich die Milchbüchleinrechnung am Montag dieser Woche, drei Tage vor der Behandlung im Stadtrat. Somit hatte FSU-Kommission nie die nötigen Detailinformationen, sich fundiert mit den Kostenprognosen auseinanderzusetzen. Diese nun verfügbaren Zahlen und Fakten zeigen tatsächlich, war wir schon im Juni vermutet hatten:

Grund 2: Äpfel mit Nüssen verglichen

Ich will nicht ins Detail gehen und euch mit allen Zahlen langweilen. Einfach nur dies:

  • Das Rechenzentrum im Eigenbau sieht bloss eine Stromzuleitung vor. Das heisst, wenn dort der Strom ausfällt, sind sämtliche Datenserver der Stadtverwaltung abgeschaltet. Dieser Fakt steht NICHT im Geschäft, den habe ich erst am Montag erfahren. Alle externen Anbieter sehen mindestens eine zweifache Zuleitung vor.
  • Das Rechenzentrum im Eigenbau sieht bloss einen Dieselstromgenerator vor. Dass heisst wenns Ernst wird, hängt die ganze Stadtverwaltung von einem Generator ab. Das ist absolut wie die Stromzuleitung nicht State-of-the-Art. Deshalb bieten auch hier die Externen mindestens zwei Generatoren an.
  • Viele weitere Details sind ebenfalls anders. So rechnet die Stadt Bern keinen 24/7-Picketdienst ein oder auch keine aktive Feuerlöschanlage ist aufgeführt.

Das aber nicht genug, auch bei den Preisen hat der Gemeinderat alles zu seinen Gunsten gedreht:

  • Der Stromverbrauch wurde unrealistisch hoch eingeschätzt. Es wird von einer Vervierfachung der Leistung innerhalb der nächsten 5 Jahre gerechnet. Das macht letztlich die Eigenbau-Variante künstlich günstiger.
  • Die Abschreibung der Geräte wird beim Eigenbau auf 20 Jahre gemacht. Eine Zahl, die nicht realistisch ist und in der Privatwirtschaft nie so praktiziert wird.
  • Der Unterhalt der städtischen Geräte ist massiv unterberechnet.
  • Bei der Netzerschliessung oder den Kommunikationskosten werden oder nachvollziehbarer Begründung Zehntausende Franken den Externen dazugeschlagen.

Grund 3: Ökologischer Blödsinn

Wir wollen ja bekanntlich Storm sparen. Dazu stelle ich schonmal vorab die vorgerechneten Szenarien von einer Vervierfachung des Stromverbrauchs in Frage. Dazu kommt, dass man in einem professionellen Rechenzentrum auch besser Abwärme wiederverwenden kann weil sich eine Anbindung an den Wärmeverbund wie beim neuen Swisscom-Rechenzentrum lohnt. Wichtig ist aber auch die graue Energie: Es sollen für zig Millionen ein neuer Dieselstromgenerator, Batterien, Stromschutzanlagen, Klimaanlagen, Sicherheitssysteme etc. eingebaut werden. Das sind sehr energieintensive Geräte. Bei einem Colocation könnten alle diese Gerätebeschaffungen mit anderen geteilt werden und somit der Anteil der grauen Energie verkleinern.

Externe Anbieter planen hochökologische Rechenzentren. Das Swisscom-Rechenzentrum im Wankdorf sieht zum Beispiel für die Kühlung die Nutzung von Regenwasser anstelle von Trinkwasser vor. Batterien sind nicht nötig weil es ein Schwungrad gibt – wie auch bei der Bedag. Alles das wird ein Eigenbau nicht haben weil es sich schlichtweg nicht lohnt.

Fazit:

Ich bin überzeugt, dass sich der Ausschreibungsaufwand und eine gewisse Zeitverzögerung gerechtfertigt sind. Es werden garantiert viele Offerten eintreffen, denn es gibt viele Alternativen. Ich hoffe, euch damit ein paar neue Informationen gegeben zu haben. Wenn ihr nicht 100% vom Eigenbau überzeugt seid möchte ich euch bitten den Änderungsantrag anzunehmen oder wenigstens Enthaltung zu stimmen.

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Diese Informationen hatte ich den Kommissionsmitgliedern und Fraktionspräsidien im Vorfeld zugeschickt:

  • Colocation ist signifikant günstiger: Seit dem Einholen der Grobofferten im Mai 2012 haben die Informatikdienste stets genauere Informationen zu ihren Anforderungen (zB Sicherheits-Level, Energieeffizienz etc.) an das Rechenzentrum bekannt gegeben. Zuletzt haben am Montag, 26. November 2012 die Informatikdienste neue Zahlen genannt. Aufgrund des überarbeiteten Vortrags haben auch die Colocation-Anbieter ihre Preise neu berechnet um ein vergleichbares Angebot zu erbringen. Bspw. geht die NTS neu von einem Betrag von rund 5.4 Mio Franken für die ersten 10 Jahre aus. Das sind je nach Szenario 4 Mio. bis 7 Mio. Franken WENIGER als die Eigenbauvariante der Informatikdienste. Colocation kann also je nach Rechenart mehr als 50% günstiger sein als ein Neubau eines Rechenzentrums!
  • Colocation ist nicht Outsourcing: Outsourcing ist ein Auslagern der Informatik an eine externe Firma. Beim Colocation wird jedoch lediglich ein Platz mit Strom- und Internet-Anschluss in einem externen Rechenzentrum gemietet, das gewisse Anforderungen an Sicherheit, Temperatur, Stromversorgung etc. erfüllt. Alle Daten und Applikationen inklusive Server-Hardware bleiben vollständig im Besitz der Stadt Bern. Niemand anderes als die Mitarbeiter der Stadt Bern hat Zugang auf die Daten. Und falls die Stadt Bern einmal nicht mehr mit einem Colocation-Anbieter zufrieden sein sollte, kann sie relativ einfach ihre Server aus dem externen Rechenzentrum entfernen und in ein anderes zügeln. Die Abhängigkeiten vom Colocation-Anbieter sind dementsprechend gering.
  • Nichts zu verlieren: Der Änderungsantrag verlangt, dass verlässliche Marktpreise für eine Colocation-Lösung eingeholt werden – etwas, das die Informatikdienste auch von sich aus bereits früher hätten tun können. Falls widererwarten die verbindlichen Preise für Colocation höher sein sollten, kann die Ausschreibung annuliert werden. Andernfalls profitiert die Stadt Bern von einem günstigeren Colocation-Angebot.
  • In Menschen, nicht in Maschinen investieren: Baut die Stadt Bern ein neues Rechenzentrum, werden rund 5 Millionen Franken für bauliche Massnahmen und Installationen wie Stromgeneratoren, Batterien und Klimaanlagen ausgegeben. Sinnvollerweise würden die Gelder jedoch nicht in Maschinen, sondern in Menschen investiert werden. Mit den Einsparungen bei einer Colocation-Lösung könnten mehrere Vollzeitstellen in der Informatik geschaffen werden. Oder der Betrag kann generell im Stadtbudget eingespart werden.
  • Colocation ist sicherer: Der Betrieb von Server-Infrastrukturen ist heutzutage eine anspruchsvolle Tätigkeit. Ständig ändernde Techniken und Sicherheitssystem verlangen fundiertes Fachwissen und Erfahrung. Es ist deshalb verständlich, dass professionelle Colocation-Anbieter einen besseren Betrieb als die Städtischen Informatikdienste anbieten können. Gemäss Vortrag fordert die Stadt Bern eine Tier-III-Sicherheit. Dies bedingt eine Redundanz sowie eine klare räumliche Trennung aller Infrastrukturen, was mit dem vorgestellten Konzept im Beer-Haus nicht realisierbar ist.
  • Colocation ist ökologischer: Der Gemeinderat erläutert ausführlich, wie mittels Server- und Client-Virtualisierung Strom gespart werden kann. Dies hat jedoch alles nichts zu tun mit der Kernfrage Eigenbau oder Colocation. Dass die Abwärme des neuen Rechenzentrums zum Heizen genutzt werden soll ist zu begrüssen. Allerdings können professionelle Colocation-Anbieter durch ihre Grösse noch wesentlich besser Energie sparen, z.B. durch Einbindung der Wärmerückgewinnung in ein Fernwärmenetz. Ein bestehendes Rechenzentrum mitzubenutzen ist in jedem Fall ökologischer als zusätzliche Infrastruktur  zu erstellen, zu deren Bau und Ausrüstung viel Energie aufgewendet werden muss.
  • Colocation ist flexibler: Die Informatikdienste rechnen in den nächsten Jahren mit einer Verfünffachung der Leistungskapazität (von 60kW auf 300kW). Tritt diese Leistungsvergrösserung nicht wie geplant ein, entstehen räumliche und technische Überkapazitäten. Bei einer Colocation-Lösung kümmert sich der Anbieter um Investitionen in die Infrastruktur, die Preise sind transparent.
  • Eigenes Rechenzentrum ist nicht zeitgemäss: In der heutigen Zeit ist es nicht mehr üblich, dass Organisationen in der Grösse der Stadt Bern ein eigenes Rechenzentrum nur für den Eigengebrauch bauen. Die Sicherheitsansprüche sind derartig gewachsen, dass die hohen Infrastruktur- und Betriebsunterhaltskosten sich für eine so kleine Umgebung wie bei der Stadt Bern nicht lohnen. Gleichzeitig gibt es im Markt eine Vielzahl von Anbietern (auch im Raum Bern), die professionelle Colocation-Dienstleistungen anbieten. Es besteht ein reger Wettbewerb und entsprechender Preisdruck, sodass mit effizienten Strukturen gerechnet werden kann.
  • Colocation ist verbreitet: Aufgrund von Signalen der FSU Kommission hatten die Informatikdienste kurz vor der Fertigstellung des Vortrags noch rasch innerhalb weniger Tage Grobofferten von Anbietern eingeholt. Zwei Anbieter (Bedag und NTS) konnten umgehend reagieren, die anderen hatten wohl zu wenig Zeit oder zu wenig Interesse, sich bei einer offensichtlich unprofessionellen Offertenanfrage die Mühe für ein Angebot zu machen. Will jedoch die Stadt Bern ernsthaft ihre Informatikinfrastruktur auslagern und schreibt dazu die Rechenzentrumsleistungen öffentlich aus, ist stark damit zu rechnen, dass auch noch andere Rechenzentrumsanbieter aus dem Raum Bern ein Angebot abgeben werden. Bspw. baut die Swisscom bis 2014 ein neues, ökologisches Rechenzentrum für 100 Mio. Franken in Bern-Wankdorf.
  • Niemand baut mehr für sich alleine: Der Gemeinderat zeigt auf, dass die meisten anderen Kantone und Städte eigene Rechenzentren haben. Allerdings weist die Beschreibung auch daraufhin, dass alle Neubauten stets im Verbund mit anderen öffentlichen Stellen geschehen. Nur so lassen sich die hohen Investitionskosten rechtfertigen. Nirgendwo wird noch ein neues Rechenzentrum durch eine Stadt für die alleinige Nutzung gebaut. Die Aussage, dass im Raum Bern keine Möglichkeiten bestehe, das städtische Rechenzentrum in ein bereits bestehendes Rechenzentrum einer anderen Gemeinde, des Kantons oder des Bundes einzubringen ist falsch, sonst hätte die Bedag als 100%-Tochtergesellschaft des Kantons Bern keine Grobofferte abgeben können.
  • Künstlicher Termindruck: Der Gemeinderat argumentiert, dass schnell gehandelt werden muss, weil sonst zusätzliche Kosten entstehen. Es bestünde nicht mehr Zeit für eine öffentliche Ausschreibung, weil am 1. Januar 2014 die Schwanengasse renoviert wird. Wenn allerdings am 29. November 2012 der Stadtrat entscheidet, dass ausgeschrieben wird, bleibt immer noch über ein Jahr für die Auswahl eines Anbieters und der entsprechende Umzug. Die ganze Server-Infrastruktur muss sowieso die Schwanengasse verlassen. Ob sie nun in das Beer-Haus oder in eine Colocation verschoben wird, spielt keine wesentliche Rolle.

Pressekonferenz “Was sich in Bern mit zwei Mitte-Sitzen in der Regierung ändern wird”

Heute hatten wir nach der Ankündigung im Juni 2012 die zweite offizielle Medienkonferenz der Mitte-Liste. Thema war dieses Mal “Was sich in Bern mit zwei Mitte-Sitzen in der Regierung ändern wird”. Dazu hatten wir 5 Kandidierenden auf der Gemeinderatsliste Punkte entwickelt, was wir in Bern verbessern würden. Vertreter von Bund, BZ, Blick am Abend und SDA folgten aufmerksam unseren Ausführungen und stellten kritische Fragen. Die Ergebnisse von Bund und Blick am Abend sind bereits publiziert.

Mein Votum galt der effizienten und modernen Verwaltung:

  • Eine Verwaltung ist dann effizient, wenn die Abläufe automatisiert sind, die Schnittstellen sauber geklärt sind, Doppelspurigkeiten eliminiert sind und die Dienstleistungen einfach und unkompliziert den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung gestellt werden.
  • Seit über einem Jahr stellt uns der Gemeinderat eine E-Government-Strategie in Aussicht. Bis heute kann ich eine solche nicht erkennen.
  • Was in anderen Städten und Gemeinden längst online zu erledigen ist, braucht heute in Bern noch den Behördengang.
  • Auf www.bern.ch kann ich zwar jede Menge aus allerlei Politgremien erfahren; aber ich kann nicht:
    • Eine Veranstaltung anmelden
    • Einen Marktstand reservieren
    • Meine Kinder für die Ferieninsel anmelden
    • Eine Parkkarte für mein Auto lösen
    • etc.
  • Eigentlich kann ich gar nichts wirklich Interaktives machen; Bern ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Gleichzeitig ist E-Government eigentlich bereits wieder ein alter Zopf, heute spricht man schon vom nächsten Thema: Open Government Data, offene Behördendaten wie zB in Zürich
  • Fest steht: So wie es heute in Bern läuft brauchen wir unnötig Ressourcen für Dinge, die für neue technische Lösungen zur Verfügung stehen sollten.
  • Beim Blick in den Stadtkalender stelle ich fest:
    • Diverse Aufgaben, die zusammengehören, sind in unterschiedliche Abteilungen und teilweise sogar auf unterschiedliche Direktionen verteilt: Migration und Integration gehören zusammen und nicht in zwei Direktionen; gleiches gilt für Wirtschaftsamt und Stadtentwicklung. Schnittstellenprobleme und Effizienzverluste sind die Folge.
    • Weiter stelle ich fest, dass Aufgaben, um welche sich der Kanton kümmert nach wie vor von der Stadt bezahlt und geführt werden (Versicherungsamt und Alters- und Pflegeheim Kühlewil sind Beispiele).
    • Und eigentlich ist es für mich auch nicht einsehbar, warum jede Direktion über einen eigenen Finanz- und Personaldienst verfügen muss, wenn wir doch ein städtisches Personalamt und eine Finanzverwaltung haben.
  • Beim Blick in meine Stadtratsakten stelle ich bei Tiefbauprojekten jeweils verwundert fest, wie teuer sie sind und dass meist ein Benchmark mit vergleichbaren Projekten anderswo fehlt.
  • Und bei Informatikbeschaffungen wird auch nicht gespart: in den letzten 12 Monaten sprachen wir über 300‘000 für Microsoft Serverlizenzen, 2.5 Millionen für KiSS, Bau eines neuen Rechenzentrums für 5 Millionen. Alles Ausgaben, deren Effizienz ich fragwürdig finde.

Veränderung 4: Es ist möglich eine effiziente und innovative Verwaltung zu haben und mit dem Aufbau von Eigenkapital mittelfristig Steuern zu senken

  • Mit anderen Worten: Verzichtsplanung und Anpassung der Standards im Tiefbau, Abbau von Doppelspurigkeiten in der zentralen Verwaltung, forcierter Einsatz von e-Government und sinnvolle Verwendung von Informatikmitteln ermöglichen gezielte Einsparungen.
  • Damit können wir jene Eigenkapitaldecke aufbauen, welche uns mittelfristig auch die Senkung der Steuern erlaubt.
  • Bislang hat der Gemeinderat in dieser Hinsicht nichts gemacht: Seine Portfolioanalyse war ein Mix von punktuellen Sparmassnahmen und Mehreinnahmen, seine E-Government-Strategie ist inexistent, Open Source Alternativen werden erst jetzt langsam auf grossen Druck vom Parlament geprüft, beim neuen Rechenzentrum ist eine Luxusvariante geplant.
  • Meine Note: Knapp 3 – mit einem besonderen Abzug für die Untätigkeit im E-Government Umfeld und die Abhängigkeiten in der Informatik.

Wurde die externe Einmietung anstelle des Neubaus von zwei städtischen Rechenzentren wirklich seriös geprüft?

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Dringliche interfraktionelle Interpellation SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP, GB/JA! (Giovanna Battagliero, SP/Rania Bahnan Büechi, GFL/Simon Glauser, SVP/Matthias Stürmer, EVP/Kurt Hirsbrunner, BDP/Jürg Weder, GLP/Bernhard Eicher, FDP/Rahel Ruch, JA!)

Bern, 21. Juni 2012

Der Informatikbetrieb der Stadt Bern wird heute von einem stadteigenen Rechenzentrum im Keller der Schwanengasse 14 gewährleistet. Gemäss Abklärungen der FSU [1] anlässlich der Beratung des Jahresberichtes 2011 plant der Gemeinderat nun, am neuen Standort der Informatikdienste ab Ende 2013 im Beerhaus in Bümpliz ein neues Hauptrechenzentrum für die Stadtverwaltung zu bauen. Zudem plant der Gemeinderat den Bau eines zweiten Rechenzentrums, das im Katastrophenfall zum Einsatz kommt. Ein solches Notfallrechenzentrum besteht heute noch nicht.

Um sich frühzeitig ein Bild über dieses Vorhaben machen zu können, verlangt der Stadtrat Transparenz über den aktuellen Stand sowie die weitere Planung des Gemeinderats bezüglich Rechenzentren der Stadt Bern. Auch will der Stadtrat sichergestellt haben, dass die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit aller Varianten gründlich geprüft wurde. Insbesondere stellt sich die Frage, ob für die Stadt Bern eine Einmietung bei einem externen Rechenzentrumsbetreiber (sowohl Anbieter der öffentlichen Hand als auch private Firmen) nicht sinnvoller und günstiger ist, als selber zwei neue Rechenzentren zu bauen.

Ursprünglich haben öffentliche Verwaltungen, Unternehmen und andere Institutionen oftmals eigene Rechenzentren aufgebaut und betrieben. Durch den technologischen Wandel (Rechnersysteme wurden kleiner und leistungsfähiger) und die gestiegenen Anforderungen an den Betrieb (höhere Sicherheit, Zuverlässigkeit, Performanz etc.) mieten in den letzten Jahren immer mehr Organisationen ihre Rechenzentrumsinfrastruktur bei professionellen Anbietern Diese externen Rechenzentrumsanbieter erfüllen die technischen und rechtlichen Anforderungen ihrer Kunden mindestens in einem ebenbürtigen Ausmass, als dass sie dies mit einem eigenen Rechenzentrum selber gewährleisten können.

Ausserdem ermöglichen Skaleneffekte beim Betrieb von mehreren Serverumgebungen typischerweise Kosteneinsparungen und bedeutend kleinere Vorinvestitionen für die Kunden. So können Ausgaben für 24×7-Überwachung, Klimaanlagen, Brandlöschsysteme, Generatoren für Stromausfall, Sicherheitssysteme sowie Energieversorgung zwischen allen Rechenzentrumskunden geteilt werden. Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus dem schwierig abzuschätzen-den Leistungsbedarf einzelner Kunden. Wichtige technologische Entwicklungen in fünf oder mehr Jahren sind kaum vorhersehbar, sodass sich Flächen- und Energiebedarf von Serverumgebungen in diesen Zeitspannen stark verändern können. Ein Rechenzentrumsanbieter mit vielen Kunden kann diese Schwankungen besser ausgleichen als eine einzelne Organisation, wodurch der Betrieb effizienter wird und somit auch wesentlich ökologischer. Gleichzeitig bleibt die Datenhoheit ausschliesslich beim Kunden, der Rechenzentrumsbetreiber hat keinen Zugriff auf die Kundendaten.

Andere öffentliche Verwaltungen in der Schweiz befinden sich heute in ähnlichen Situationen wie die Stadt Bern. So hat sich der Kanton Baselland im letzten halben Jahr eingehend mit der Abwägung zwischen Neubau eines Rechenzentrums und der Einmietung befasst. Aus Kostengründen hat sich das Parlament schliesslich im Januar 2012 deutlich für einen externen Rechenzentrumsanbieter entschiedenen. Die Stadt Winterthur wollte im Oktober 2011 ein neues, eigenes Rechenzentrum für 5.75 Millionen Franken bauen, der Kredit wurde jedoch im Dezember 2011 im Parlament zurückgewiesen, da die externen Varianten nicht genügend abgeklärt wurden. Die Stadt Zürich wiederum baut für 140 Millionen ein neues, eigenes Rechenzentrum, in das Organisationen wie EWZ, VBZ, Schutz und Rettung Zürich, Stadtpolizei etc. sowie Firmen als Drittmieter hinzustossen (in der Stadt Bern haben BERNMOBIL und EWB eigene Serverräume).

Wir bitten daher den Gemeinderat um Beantwortung der folgenden Fragen:

  1. Wie ist die aktuelle Situation bezüglich Rechenzentrumsbetrieb:
    1. Wie viel Rechenzentrumsfläche wird heute benötigt und aufgrund welcher Annahmen kann der Bedarf in der Zukunft abgeschätzt werden?
    2. Welche Kosten wurden in den Auf- und Ausbau des heutigen Rechenzentrums investiert?
    3. Wie hoch sind die Betriebskosten des heutigen Rechenzentrums?
  2. Wie lautet die aktuelle Planung des Gemeinderats:
    1. Wie weit ist die Planung des neuen Hauptrechenzentrums in Bümpliz vorangeschritten?
    2. Wie weit ist die Planung des Notfallrechenzentrums vorangeschritten und wo soll der neue Standort dieses Rechenzentrums liegen?
    3. Mit welchen Kosten wird für den Bau des neuen Hauptrechenzentrums sowie des Notfallrechenzentrums gerechnet?
  3. Was wurde bis heute geprüft:
    1. Wurden die Vor- und Nachteile der Neubauten gegenüber Einmietung mittels einer Vorstudie analysiert (siehe Vorlage an den Landrat des Kantons Basel-Landschaft vom 20. September 2011)?
    2. Wann und bei welchen Anbietern wurde eine Grobofferte eingeholt und mit welchen Ergebnissen?
    3. Inwieweit sind die Grobofferten mit dem Neubau der Rechenzentren bezüglich Investitions- und Betriebskosten inkl. Personalaufwand, Infrastrukturkosten, Energiekosten etc. miteinander vergleichbar?
    4. Wenn dieser Vergleich nicht möglich ist, aus welchen Gründen? Wenn er möglich ist, welche Schlussfolgerungen zieht der Gemeinderat aus dem Vergleich?

Begründung der Dringlichkeit

Der Gemeinderat wird voraussichtlich im Sommer über die weiteren Planungsschritte bezüglich der neuen Rechenzentren entscheiden. Der Stadtrat soll im Herbst 2012 über die betreffenden Kredite befinden. Die in dieser Interpellation aufgeworfenen Fragen sollten unbedingt vorgängig geklärt sein.

Dringliche interfraktionelle Interpellation SP/JUSO, GFL/EVP, SVPplus, BDP/CVP, GLP, FDP, GB/JA! (Giovanna Battagliero, SP/Rania Bahnan Büechi, GFL/Simon Glauser, SVP/Matthias Stürmer, EVP/Kurt Hirsbrunner, BDP/Jürg Weder, GLP/Bernhard Eicher, FDP/Rahel Ruch, JA!): Michael Köpfli, Prisca Lanfranchi, Halua Pinto de Magalhães, Lea Kusano, Silvia Schoch-Meyer, Bettina Stüssi, Hasim Sönmez, Ruedi Keller, Patrizia Mordini, Leyla Gül, Guglielmo Grossi, Miriam Schwarz, Corinne Mathieu, Annette Lehmann, Rithy Chheng, Gisela Vollmer, Stéphanie Penher, Lea Bill, Hasim Sancar, Judith Gasser, Cristina Anliker-Mansour, Esther Oester, Rolf Zbinden, Roland Jakob, Luzius Theiler, Susanne Elsener, Martin Trachsel, Lukas Gutzwiller, Tania Espinoza, Peter Künzler, Manuel C. Widmer, Dannie Jost, Daniel Imthurn, Peter Erni, Christoph Zimmerli, Vinzenz Bartlome, Judith Renner-Bach, Claudio Fischer, Martin Schneider, Martin Mäder, Alexandre Schmidt, Beat Gubser, Kurt Rüegsegger, Eveline Neeracher, Manfred Blaser, Alexander Feuz, Rudolf Friedli

Die Dringlichkeit wird vom Büro des Stadtrats bejaht.

[1] Die Einreichenden Giovanna Battagliero, Rania Bahnan Büechi, Simon Glauser sind Mitglieder der FSU-Delegation „Informatik“