EVP: das ist (auch) die *elektronische* Volkspartei!

Natürlich heisst meine Partei EVP nicht “elektronische Volkspartei”, sondern “evangelische Volkspartei”. Aber immerhin konnte ich in den letzten Jahren intern wie auch extern einige Digital-Themen in der Politik platzieren. Jüngstes Beispiel ist der Vorstoss zu mehr Open Source Software an Berner Schulen, der im obigen Berner Zeitung Artikel (siehe auch PDF) portraitiert ist. Aufgrund meiner Tätigkeit als Geschäftsleiter der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit wurde ich im vergangenen EVP Akzente zum nachhaltigen Umgang mit ICT interviewt:


Besonders gefreut hat mich, dass die EVP in ihrem neuen Parteiprogramm gleich zwei meiner digitalen Kernforderungen übernommen hat (siehe S. 59):

  • Das Öffentlichkeitsprinzip* konsequent durchsetzen. Wir unterstützen Initiativen für frei zugängliche Verwaltungsdaten (Open Government Data).
  • In der Verwaltung quelloffene Software (Open Source*) gegenüber proprietärer Software bevorzugen. Intern entwickelte Software ist unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen. [...]

Glossar

Öffentlichkeitsprinzip: Prinzip, wonach jedermann Anspruch auf Zugang zu amtlichen Dokumenten hat, sofern nicht überwiegende öffentliche der private Interessen einer Veröffentlichung entgegenstehen.
Open Source: Quelloffene Computerprogramme, die kostenlos genutzt werden dürfen

Mitschreiben an der digitalen Welt

Wer Computerprogramme schreiben kann, gestaltet die digitale Welt mit – alle anderen sind abhängige Konsumenten. Deshalb sollten am besten schon Kinder die Kulturtechnik des Programmierens lernen. Entscheidend ist ausserdem, dass wir überhaupt mitschreiben dürfen – dafür setzen sich die verschiedenen «Open»-Bewegungen ein.

Beitrag von Matthias Stürmer im UniPress 162/2014

Was ist eine Programmiersprache? Eigentlich nichts anderes als eine Schrift, mit der Menschen mit Maschinen kommunizieren können. Wie bei den menschlichen Sprachen gibt es auch viele verschiedene Programmiersprachen: alte und neue, einfache und schwierig zu erlernende, weit verbreitete und sehr selten verwendete Programmiersprachen. Das von Menschen geschriebene Programm ist der Quelltext, auch Source Code genannt. Für die Ausführung auf dem Computer wird dieser mit einem sogenannten Compiler in Maschinensprache übersetzt, die letztlich die binären Datenketten von 0 und 1 ergeben und von den Mikroprozessoren der Rechner als Software verarbeitet werden können.

Bisher waren es meist ausgebildete Informatiker und clevere Quereinsteiger, die sich beruflich oder in der Freizeit mit Software-Programmierung beschäftigt haben. Heute gibt es mit Code.org, Codeacademy.com oder Codeschool.com immer mehr Internetplattformen, mit denen auch Laien und gar Kinder selbständig programmieren lernen können. Und das macht Sinn, denn im digitalen Zeitalter sollte neben Lesen und Schreiben von herkömmlicher Schrift die Beherrschung der Mensch-Maschinen-Kommunikation – also «Programmieren» – den gleichen Stellenwert erhalten. Software ist heute so wichtig und allgegenwärtig, dass Programmieren als Kulturtechnik gelten muss. Damit werden aus Konsumenten und Zuhörerinnen der digitalen Welt Menschen, die mitschreiben und mitgestalten können – am besten ab dem Grundschulalter.

Auf freie Forschung programmiert

Aber nicht nur Kinder sollen Programmieren lernen, auch für angehende Forschende ist das Beherrschen von Programmiersprachen wichtig. In vielen Disziplinen der Naturwissenschaft wie in der Physik oder der Chemie besteht heute ein wichtiger Teil der Arbeit aus Programmieren – dem Computer Anweisungen und Regeln vorgeben, wie er Daten auszuwerten und darzustellen hat. Wohl für sämtliche Fachrichtungen ist die Visualisierung von Informationen von grossem Nutzen, seien es Statistiken, geografische Darstellungen oder dreidimensionale Abbildungen. Deshalb stehen die Vorlesungen und Seminare am Institut für Wirtschaftsinformatik rund um Datenvisualisierung und Open Data allen Studierenden offen. Dort wird unterrichtet, wie ohne Programmier-Vorkenntnisse mittels moderner Web-Technologien neue Anwendungen entwickelt werden können. Unter den rund 60 Teilnehmenden der ersten Durchführung im vergangenen Frühlingssemester fanden sich neben Betriebswirtschafts- und Informatikstudierenden auch Politologinnen, Psychologen und Sportwissenschaftlerinnen. Die resultierenden 29 Anwendungen, so genannte «Open Data Apps», sind frei zugänglich und wurden in mehreren Online-Publikationen porträtiert.

Verwendet wird in der erwähnten Lehrveranstaltung ausschliesslich Open Source Software, denn diese ist kostenlos und vollständig offen als Internet-Download zugänglich. Die Lernenden müssen keine Lizenzen kaufen, denn Open Source Software ist stets lizenzkostenfrei. Damit werden die Informatikausgaben gesenkt und gleichzeitig wird die Chancengleichheit in der Bildung verbessert. Andererseits ermöglicht diese quelloffene Software, dass der Quelltext uneingeschränkt gelesen, genutzt, verändert und weiterverbreitet werden darf. Software unter einer Open Source Lizenz wird damit zu einem öffentlichen Gut, von dem alle profitieren und zu dem alle beitragen können. Die Offenheit des Quelltextes erlaubt es ausserdem, die Funktionsweise der Programme bis ins letzte Detail zu verstehen und bei Bedarf auch zu erweitern – ein Vorteil aus pädagogischer Sicht, da Neugierde und Verständnis gefördert werden.

Software-Firmen schaffen teure Abhängigkeiten

Was aber, wenn der Quellcode nicht bearbeitet werden kann oder darf? Dann spricht man von proprietärer Software, also Programmen, die Eigentum einer bestimmten Firma sind. Microsoft Word, Adobe Photoshop, Apple-Programme und viele andere gängige Anwendungen sind Beispiele für proprietäre Software. Mit grossen Marketing- und Verkaufsbudgets, weit höher als die eigentlichen Entwicklungsausgaben, machen diese Unternehmen ihre Software-Produkte schmackhaft. Die fehlende Werbung für Open Source Software führt dann dazu, dass in vielen Fällen Schulen, Universitäten, Behörden und Private proprietäre Produkte kaufen, obwohl quelloffene Alternativen oftmals ebenso leistungsfähig sind. Mit diesem Vorgehen entstehen für die Käufer nicht nur kurzfristig hohe Ausgaben für Lizenzen, sondern die Organisationen binden sich auch immer stärker an die Software-Hersteller. Von dieser Abhängigkeit wiederum profitieren die Unternehmen und können weitere Produkte verkaufen und ihre Preispolitik fast beliebig verändern. Es ist somit kein Zufall, dass öffentliche Institutionen bei Informatikbeschaffungen die Aufträge vielfach ohne Ausschreibung freihändig an Firmen vergeben mit der Begründung, dass kein anderes Unternehmen die entsprechende proprietäre Lösung liefern könne.

Im Grunde haben wir damit eine Situation wie in vielen Entwicklungsländern, in denen die Menschen, die nicht lesen und schreiben können, abhängig sind von Schreibern, die mit ihrem geheimen Wissen und Können die schriftliche Kommunikation dominieren. Die Konsequenz für uns ist, dass durch die Fähigkeit, Computerprogramme zu schreiben und nicht bloss Knöpfe zu drücken, die digitalen Kompetenzen der Bevölkerung und damit ihre Macht im Umgang mit diesen Technologien wachsen.

Wir brauchen digitale Nachhaltigkeit

Entscheidend ist neben dem Können aber auch das Dürfen, und dazu braucht es die juristische Freiheit, welche Open Source Software und mit ihr die Vielzahl weiterer «Open»-Bewegungen schaffen. Open Source war in den 90er Jahren nämlich nur der Anfang: So werden heute beispielsweise die Millionen Seiten der Wikipedia von der breiten Öffentlichkeit erstellt und aktualisiert, ohne dass eine einzelne Firma oder Person die Kontrolle darüber hat. Mit Creative Commons Lizenzen für Texte, Bilder, Musik und Filme werden dieselben Möglichkeiten für den Umgang mit Inhalten geschaffen wie mit den Open Source Lizenzen bei der Entwicklung von Software. Und das Open Data-Prinzip macht öffentlich finanzierte Behördendaten und andere Informationen, sofern sie nicht den Datenschutz verletzen oder sicherheitsrelevant sind, frei zugänglich.

Diese und weitere Arbeitsweisen werden als Umsetzungen des Konzepts der «digitalen Nachhaltigkeit» verstanden. Die Brundtland Kommission hat 1987 den Begriff «nachhaltige Entwicklung» definiert: Nachhaltig ist eine Entwicklung, «die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.»

Diese Überlegungen zur nachhaltigen Entwicklung in der physischen Welt können auch in den digitalen Kontext übertragen werden. Allerdings erfordern die unterschiedlichen Eigenschaften dieser zwei Welten ein Umdenken. Während der Gebrauch von physischen Ressourcen stets rivalisierend ist und zu Abnutzung und letztendlich zu Verbrauch führt, verursacht die Nutzung von digitalen Gütern keine Verringerung. Wie das Beispiel der proprietären Software zeigt, können jedoch auch bei digitalen Ressourcen Nutzer ausgeschlossen werden. Gleiches gilt bei Inhalten wie Musikstücken, deren Abspielen beispielsweise mittels digitaler Rechteverwaltung (englisch Digital Rights Management oder kurz DRM) nur begrenzt möglich ist. Bei geschlossenen Datenformaten verhält es sich ähnlich: Zwar könnten die Informationen beliebig oft genutzt, verändert und vervielfältigt werden, jedoch ist deren Struktur mittels geheimgehaltener Codierung nicht zugänglich, ohne dass man dafür teure Programme kauft. Digitale Nachhaltigkeit bedeutet somit freien Zugang zu den Daten (Open Data), zur Datenspezifikation (Open Standards), zur Methode, um die Daten zu lesen (Open Source Software) und zum Datenspeichermedium sowie dem physischen Gerät, um die Daten abzuspielen, das heisst, in eine für Menschen verständliche Form zu bringen (Open Hardware).

Eine Schallplatte im All

Ein historisches Beispiel digitaler Nachhaltigkeit stellen die goldenen Schallplatten dar, die 1977 an Bord der zwei Voyager-Sonden in den Weltraum geschossen wurden. Diese Golden Records bestehen aus vergoldeten Kupferscheiben und haben damit eine geschätzte physische Lebensdauer von mehreren hundert Millionen Jahren. Auf ihrer Oberfläche ist unter anderem mittels ausgeklügelter Skizzen und binärer Zeichen beschrieben, wie die Schallplatte abzuspielen ist, um die darauf gespeicherten Bilder anzusehen und die Töne zu hören. Damit werden alle erwähnten Kriterien der digitalen Nachhaltigkeit erfüllt.

So sollte es ausserirdischen Lebewesen möglich sein, auf diese Informationen zuzugreifen und damit wichtige Anhaltspunkte über das Sonnensystem, die Erde, die Menschen und unsere Lebensweise zu erfahren – sofern sie über Detektoren für elektromagnetische Strahlung (Augen) und akustische Schwingungen (Ohren) verfügen. Ausgerüstet mit diesen «digital nachhaltigen» Schriftstücken fliegen die Raumsonden inzwischen Milliarden von Kilometer ausserhalb des Sonnensystems immer weiter weg – um dann und wann im Abstand von zehntausenden von Jahren mehr oder weniger nahe an anderen Sternen vorbeizukommen.

Kontakt: Dr. Matthias Stürmer, Institut für Wirtschaftsinformatik, Leiter Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeitmatthias.stuermer@iwi.unibe.ch

Interviews, Vortrag und Paper zu digitaler Nachhaltigkeit

Nach gut einem Jahr Aufbauarbeit konnte im August 2014 die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit endlich mit eigener Website und mit offizieller Medienmitteilung der Universität Bern richtig lanciert werden. Seither gabs Berichte (Der Bund, 4. September 2014) und Interviews (Swisscom-Blog, 2. Oktober 2014) über die Stelle und das Thema, was mich sehr freute (ein weiteres Interview ist in Produktion).

Heute hielt ich an der Semantic MediaWiki Conference in Wien ausserdem den Vortrag “Digital sustainability of open source communities“, in dem ich die 6 Charakteristiken aus dem kurzen ICEGOV 2014 Paper “Characteristics of Digital Sustainability” vorstellte. Urs Binggeli trug zum Vortrag die geniale Idee bei, die Voyager Golden Record mit dem Konzept der digitalen Nachhaltigkeit zu verbinden:

Das waren die Folien des Vortrags:

Sparpaket des Kantons Bern visualisiert

Finanzen der öffentlichen Hand sind zuweilen unheimlich komplex. Die beiden Software-Entwickler Thomas Preusse und Oleg Lavrovsky vom Verein Opendata.ch und ich haben uns deshalb in den letzten Tagen intensiv mit dem vor einer Woche veröffentlichten “Bericht des Regierungsrates an den Grossen Rat vom 26. Juni 2013 – Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP 2014)” auseinander gesetzt. Unser Ziel war es, eine intuitiv verständliche Darstellungsweise dieses massiven 490-Millionen-Sparpakets zu erarbeiten.

In nächtelanger Arbeit haben wir ehrenamtlich die relevanten Zahlen und Erläuterungen aus dem PDF rausgeklaubt, die Daten in ein Computer-lesbares Format transformiert und die entsprechende Applikation programmiert. Nun sind alle wichtigen Informationen des 142-seitigen Berichts in einer schlanken, modernen Open Budget App mit einem Klick übersichtlich zugänglich:

http://be-asp.budget.opendata.ch

Und hier noch die offizielle Pressemitteilung des Vereins Opendata.ch:

Verein Opendata.ch visualisiert 490-Millionen Sparpaket des Kantons Bern

Bern, 5. Juli 2013

Vor einer Woche präsentierte der Berner Regierungsrat die Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP) 2014, mit welcher der Kanton Bern bis zu 490 Millionen Franken jährlich und an die 600 Stellen einsparen will. Damit das massive Sparpaket der Bevölkerung und den Politikern besser verständlich gemacht wird, hat der Verein Opendata.ch die finanziellen und personellen Einsparungen als intuitive Open Budget Applikation unter be-asp.budget.opendata.ch visualisiert.

Finanzzahlen in grossen Dokumenten der öffentlichen Hand sind oftmals zu abstrakt, als dass sich Steuerzahlende und selbst Politikerinnen und Politiker konkrete Vorstellungen davon machen können. Um die Dimensionen des gewaltigen Sparpakets der Berner Regierung verständlicher zu machen, haben Mitglieder des Vereins Opendata.ch die geplanten Einsparungen basierend auf dem 142-seitigen„Bericht des Regierungsrates an den Grossen Rat vom 26. Juni 2013 – Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP 2014)“ visualisiert und als dynamische Open Budget Web-Applikation unterbe-asp.budget.opendata.ch publiziert.

In der Applikation können die finanziellen und personellen Einsparungen pro Jahr und pro Direktion angezeigt und sowohl die Einsparungen in Topf 1 (von der Regierung empfohlene Massnahmen) als auch in Topf 2 (von der Regierung nicht empfohlene Massnahmen) dargestellt werden. Auch werden sämtliche Massnahmen in einer Tabelle aufgeführt. Beim Anklicken der Kreise und Tabelleneinträge werdenDetailinformationen aus dem Bericht gezeigt.

Alle Arbeiten wurden von den Software-Entwicklern Thomas Preusse und Oleg Lavrovsky ehrenamtlich ausgeführt und durch Matthias Stürmer koordiniert.

Open Budget Apps für Schweizer Städte und Gemeinden

Letzten Samstag hielt ich am Kadertag der EVP Schweiz einen Kurzvortrag zu Open Budget Apps. Neben Bern haben unterdessen auch die Städte Zürich und Winterthur visualisierte Haushaltsdaten. Weitere Städte und Gemeinden sind jederzeit willkommen, ihre Budgetzahlen in der Open Budget App des Vereins Opendata.ch zu publizieren. Gerne einfach Kontakt mit mir aufnehmen (matthias.stuermer@evp-bern.ch, 076 368 81 65), dann helfe ich mit bei der Beschaffung und Visualisierung der notwendigen Daten bei der lokalen Finanzverwaltung!

Kurzpräsentation zu Open Budget Apps: Visualisierung von öffentlichen Haushalten from Matthias Stürmer

Meine (Teil-)Utopie von Bern

Heute veröffentlichte das neue Berner Online-Medium Journal-B meine Open Government Utopie von Bern. Dinu Gautier hat dabei einen hervorragenden Text aus einem eher etwas unstrukturierten Interview verfasst – Gratulation an den Redaktor! Resultat ist eine Welt, in der die Stadtverwaltung offen und innovativ mit ihren Daten umgeht. Gleichzeitig ist anzumerken, dass dies natürlich bloss eine “Teil-Utopie” ist, denn viele wesentliche und mir wichtige Themen wie Finanzen, Soziales, Umwelt etc. sind darin nicht behandelt. Aber man sollte sich ja auch beim Träumen nicht verzetteln!

Die Bern-Utopie von Matthias Stürmer (EVP)

SCHÖNES NEUES BERN – Gemeinderatskandidat Matthias Stürmer berichtet aus seiner utopischen Zukunft: Berns Verwaltung ist völlig transparent. Eine Bern-App bringt städtische Dienstleistungen und demokratische Mitwirkung in die Hosentasche der Bürgerinnen und Bürger.
In der Utopie von Matthias Stürmer öffnet der Gemeinderat seine Agenda. (Foto: Manuel Gnos)
In der Utopie von Matthias Stürmer öffnet der Gemeinderat seine Agenda. (Foto: Manuel Gnos)

Autor: Dinu Gautier, 02.10.2012, 08:01

«Noch 2012 hatte die Verwaltung in Bern ein schlechtes Image. Sie arbeite zu langsam, sie sei zu teuer, sie sei inkompetent, sie lege einem Steine in den Weg, hiess es.Heute ist Bern die weltweit führende Open-Government-Stadt: Der Kontakt zu den Behörden ist in fast allen Bereichen auch digital möglich, es herrscht weitestmögliche Transparenz und die Bürgerinnen und Bürger können sich viel stärker konstruktiv mit Ideen und Kritik einbringen.

Wie werden die Steuereinnahmen der Stadt im Detail ausgegeben? Welches Kadermitglied der Verwaltung verdient wie viel? In welchem Stadium des Bewilligungsverfahrens ist mein Baugesuch? Wie schaut die Agenda eines bestimmten Gemeinderats für den heutigen Tag aus? In welcher Gegend hat die Polizei am meisten Delikte registriert? Antworten auf diese und viele andere Fragen bietet die Stadt heute online an. Man muss nicht wie früher danach fragen, die Daten sind da. Nicht publiziert werden lediglich Informationen, die die Privatsphäre von Drittpersonen oder die Sicherheitsinteressen der Verwaltung bedrohen würden.

Vorbildlich an Bern ist aber nicht in erster Linie die Transparenz an sich – andere Gemeinden und sogar Länder kennen sie auch –, sondern die Art und Weise, wie die hiesige Verwaltung die Daten aufbereitet und visualisiert. Besonders beliebt ist die sogenannte Bern-App. Wer damit durch die Stadt geht, der wird – wenn er das will – per Piepston darauf aufmerksam gemacht, wenn er eine Stelle passiert, an der beispielsweise ein neues Gebäude geplant ist. Der Bern-App-Nutzer sieht auf dem Display, wie das Gebäude aussehen soll, in welchem Stadium die Planung ist, was es kostet, wer es bezahlt und welche Firma es bauen soll. Und, ganz wichtig: Er erfährt, wie er sich mit Verbesserungsvorschlägen, Kritik oder Ideen einbringen kann.

Früher war man unheimlich stolz auf die sogenannte direkte Demokratie. Dabei konnte der Bürger aber meist nur Ja oder Nein sagen. Abstimmungen gibt es zwar noch immer, man kann sich aber schon viel früher und inhaltlich einbringen. Dies natürlich nicht nur dann, wenn ein neues Gebäude erstellt oder eine Strasse saniert werden soll.

Freiraum dank Bern-App

Per Bern-App wurden etwa Jugendliche in der Stadt Bern gefragt, was für Freiräume in der Innenstadt sie sich wünschen. Die besten Ideen konkretisierten Spezialistinnen und Spezialisten. Wiederum per Bern-App konnten sich die Jugendlichen und alle anderen Bevölkerungskreise zu den Vorschlägen äussern. Das beste Projekt wurde schliesslich an der digitalen App-Urne deutlich angenommen – die Behörden hatten dank den Reaktionen schon früh gemerkt, welche Option sowohl den Bedürfnissen der Jugendlichen entspricht als auch die Bedenken anderer Kreise am besten zu zerstreuen vermochte.

Natürlich beteiligen sich bei weitem nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt täglich an solchen Ideenwettbewerben und Vernehmlassungen. Aber wer es tun will, der kann es. Andere brauchen die Bern-App eher dafür, dem Tiefbauamt zu melden, dass die Strassenlaterne vor dem Haus mal wieder kaputt ist.

Neben offiziellen Anwendungen haben innovative Kleinunternehmen dank den öffentlich zugänglichen Daten eigene Apps entwickelt. Zum Beispiel gibt es eine App für die Wohnungssuche, die freie Wohnungen mit den offenen Daten über das entsprechende Quartier verknüpft (inklusive Kriminalstatistik, Schulqualität, Lärmpegel oder Bauvorschriften).

Die Berner Lokalmedien schliesslich setzen stark auf sogenannten Data Journalism. Nicht mehr wie einst auf Informationshäppchen der Verwaltungsmedienstellen angewiesen, recherchieren sie heute häufiger vertieft von sich aus.

Das schlechte Image der Verwaltung existiert nur noch in vagen Erinnerungen an intransparente Zeiten.»

Pressekonferenz “Was sich in Bern mit zwei Mitte-Sitzen in der Regierung ändern wird”

Heute hatten wir nach der Ankündigung im Juni 2012 die zweite offizielle Medienkonferenz der Mitte-Liste. Thema war dieses Mal “Was sich in Bern mit zwei Mitte-Sitzen in der Regierung ändern wird”. Dazu hatten wir 5 Kandidierenden auf der Gemeinderatsliste Punkte entwickelt, was wir in Bern verbessern würden. Vertreter von Bund, BZ, Blick am Abend und SDA folgten aufmerksam unseren Ausführungen und stellten kritische Fragen. Die Ergebnisse von Bund und Blick am Abend sind bereits publiziert.

Mein Votum galt der effizienten und modernen Verwaltung:

  • Eine Verwaltung ist dann effizient, wenn die Abläufe automatisiert sind, die Schnittstellen sauber geklärt sind, Doppelspurigkeiten eliminiert sind und die Dienstleistungen einfach und unkompliziert den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung gestellt werden.
  • Seit über einem Jahr stellt uns der Gemeinderat eine E-Government-Strategie in Aussicht. Bis heute kann ich eine solche nicht erkennen.
  • Was in anderen Städten und Gemeinden längst online zu erledigen ist, braucht heute in Bern noch den Behördengang.
  • Auf www.bern.ch kann ich zwar jede Menge aus allerlei Politgremien erfahren; aber ich kann nicht:
    • Eine Veranstaltung anmelden
    • Einen Marktstand reservieren
    • Meine Kinder für die Ferieninsel anmelden
    • Eine Parkkarte für mein Auto lösen
    • etc.
  • Eigentlich kann ich gar nichts wirklich Interaktives machen; Bern ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Gleichzeitig ist E-Government eigentlich bereits wieder ein alter Zopf, heute spricht man schon vom nächsten Thema: Open Government Data, offene Behördendaten wie zB in Zürich
  • Fest steht: So wie es heute in Bern läuft brauchen wir unnötig Ressourcen für Dinge, die für neue technische Lösungen zur Verfügung stehen sollten.
  • Beim Blick in den Stadtkalender stelle ich fest:
    • Diverse Aufgaben, die zusammengehören, sind in unterschiedliche Abteilungen und teilweise sogar auf unterschiedliche Direktionen verteilt: Migration und Integration gehören zusammen und nicht in zwei Direktionen; gleiches gilt für Wirtschaftsamt und Stadtentwicklung. Schnittstellenprobleme und Effizienzverluste sind die Folge.
    • Weiter stelle ich fest, dass Aufgaben, um welche sich der Kanton kümmert nach wie vor von der Stadt bezahlt und geführt werden (Versicherungsamt und Alters- und Pflegeheim Kühlewil sind Beispiele).
    • Und eigentlich ist es für mich auch nicht einsehbar, warum jede Direktion über einen eigenen Finanz- und Personaldienst verfügen muss, wenn wir doch ein städtisches Personalamt und eine Finanzverwaltung haben.
  • Beim Blick in meine Stadtratsakten stelle ich bei Tiefbauprojekten jeweils verwundert fest, wie teuer sie sind und dass meist ein Benchmark mit vergleichbaren Projekten anderswo fehlt.
  • Und bei Informatikbeschaffungen wird auch nicht gespart: in den letzten 12 Monaten sprachen wir über 300‘000 für Microsoft Serverlizenzen, 2.5 Millionen für KiSS, Bau eines neuen Rechenzentrums für 5 Millionen. Alles Ausgaben, deren Effizienz ich fragwürdig finde.

Veränderung 4: Es ist möglich eine effiziente und innovative Verwaltung zu haben und mit dem Aufbau von Eigenkapital mittelfristig Steuern zu senken

  • Mit anderen Worten: Verzichtsplanung und Anpassung der Standards im Tiefbau, Abbau von Doppelspurigkeiten in der zentralen Verwaltung, forcierter Einsatz von e-Government und sinnvolle Verwendung von Informatikmitteln ermöglichen gezielte Einsparungen.
  • Damit können wir jene Eigenkapitaldecke aufbauen, welche uns mittelfristig auch die Senkung der Steuern erlaubt.
  • Bislang hat der Gemeinderat in dieser Hinsicht nichts gemacht: Seine Portfolioanalyse war ein Mix von punktuellen Sparmassnahmen und Mehreinnahmen, seine E-Government-Strategie ist inexistent, Open Source Alternativen werden erst jetzt langsam auf grossen Druck vom Parlament geprüft, beim neuen Rechenzentrum ist eine Luxusvariante geplant.
  • Meine Note: Knapp 3 – mit einem besonderen Abzug für die Untätigkeit im E-Government Umfeld und die Abhängigkeiten in der Informatik.

Das Berner Budget als farbige Kugeln

In der heutigen Ausgabe des Bund ist ein ausführlicher Bericht über die neue Version der Open Budget App der Stadt Bern. Der Software-Entwickler Thomas Preusse hat in nächtelanger ehrenamtlicher Arbeit das Budget 2013 mit einer neuen Open Data Applikation visualisiert. Gegenüber der Version 2012 werden nun die Vorjahreszahlen mit den aktuellen Zahlen verglichen und die Kreise entsprechend eingefärbt. Ausserdem werden rechts die Detailzahlen zum Budget angezeigt.

Das ist erst der Anfang: Morgen treffen sich die Berner Stadträte Giovanna BattaglieroThomas Göttin und ich mit Finanzvorsteher Daniel Schaffner. Gemeinsam wollen wir die künftigen Eigenschaften der Open Budget App 2014 diskutieren und ausarbeiten. Man darf also gespannt sein, wie die Stadt Bern auch weiterhin die Führungsrolle bei Open Budget Applikationen der Schweizer Städte behält!

Interview für die EVP Kanton Bern

In der aktuellen EVP Kanton Bern Zeitung (Ausgabe September 2012) habe ich ein kurzes Interview über meine Motivation für die Gemeinderatskandidatur gegeben:

ZU BESUCH BEI
Matthias Stürmer, Bern

Auf einer gemeinsamen Liste von vier Mitteparteien kandidiert EVP-Stadtrat Matthias Stürmer im November 2012 für den Stadtberner Gemeinderat. Der 32-jährige Matthias Stürmer ist seit einem Jahr im Berner Stadtparlament. «Die Stadtpolitik macht mir sehr viel Spass», erklärt der engagierte Dr. sc. ETH Zürich und dreifache Familienvater.

Was bewog die EVP für den Gemeinderat zu kandidieren?

Dass wir eine gemeinsame Liste von BDP, CVP, glp und EVP zusammenstellen konnten. Die EVP allein ist klein, die vier Parteien zusammen bilden hingegen einen wichtigen Teil im Politspektrum. Dass die Mitte insgesamt einen Aufschwung erlebt, ist eine Chance für die EVP.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit den drei andern Parteien?

Als sehr gut und konstruktiv. Wir haben auch bereits einiges zusammen erlebt, Lob und Kritik von den Medien erfahren. Dies schweisst zusammen. Schade ist bloss, dass unsere Fraktionspartnerin GFL nicht als fünfte Partei mit dabei ist. Sie würde gut auf die Mitte-Liste passen.

Was motiviert dich persönlich zu dieser Kandidatur?

Die Parlamentsarbeit macht mir Spass und gibt mir Einblick in die politischen Geschäfte. Doch ich sehe mich langfristig eher auf der operativen Seite, wo ich etwas koordinieren und umsetzen kann – sei dies in der Politik, der Verwaltung oder der Privatwirtschaft. Ich bin nicht ideologisch fixiert und relativ kompromissbereit. Das Amt eines Gemeinderats reizt mich sehr und ich kann mich darin vorstellen.

Wo siehst du in Bern den grössten Handlungsbedarf?

In der Stärkung der Stadt als Dienstleister für die Bevölkerung. Die Prozesse sind oft umständlich. Manches könnte effizienter und teils weniger ideologisch angegangen werden. Ein wichtiges Thema ist für mich Transparenz – etwa beim 600-seitigen Budget der Stadt Bern. Durch Gespräche mit der Stadtkanzlei und dem Finanzverwalter konnte ich erreichen, dass dieses neu maschinenlesbar zugänglich ist. Das ermöglicht grafische Darstellungen, mehr Klarheit und eine sachlichere Diskussion.

Wie präsentierst du dich der Wählerschaft?

Neben den traditionellen EVP-Themen wie Familie, Bildung und Umwelt möchte ich das Thema Offenheit und Transparenz in den Vordergrund stellen. Einerseits ganz konkret zum Beispiel bei der Vergabe von EDV-Aufträgen, anderseits indem die Verwaltung für alle Bevölkerungsschichten transparent sein soll. Ich setze mich schon als Stadtrat für Open Government, also eine transparente Verwaltung, ein, und könnte dies als Gemeinderat noch stärker tun.

Wieweit prägt dich dein Christsein als Politiker?

Ich will nicht der ganzen Politik einen christlichen Rahmen überstülpen, aber meine persönliche Werthaltung in die Politik einbringen. Im persönlichen Gespräch mit andern Politikern werde ich als EVP-Mitglied oft auf den Glauben angesprochen. Dies gibt die Möglichkeit, meinen christlichen Lebensstil und meine christlichen Werte zu erklären. Zu letzteren gehört auch eine Balance zwischen Selbstverantwortung und Nächstenliebe, die beide von Evangelium gefordert werden. Dazu passt die Mitte-Position der EVP. Linke Politiker betonen oft einseitig die Nächstenliebe, rechte die Selbstverantwortung.

Interview: Christof Erne