Vier virtuelle Event-Typen und einige Erfahrungen als Organisator und Speaker

Nach Hunderten von BigBlueButton-, Zoom-, Teams-, Skype-, JitsiMeet- und weiteren Online-Tool-Sessions sind wir Homeoffice-Arbeitenden wohl alle mehr oder weniger Virtual Meeting erprobt. Zu zweit oder in kleineren Teams ist es unterdessen auch eine Normalität geworden Online-Meetings durchzuführen. Welches aber sind die unterschiedlichen Formen von virtuellen Events mit Dutzenden oder Hunderten von Teilnehmenden und Speakers? Und was sind die Vor- und Nachteile der jeweiligen Formate aus Perspektive der Organisierenden, Speakers und Teilnehmenden?

In diesem Blog-Post gebe ich einige meiner Erfahrungen aus dem 2020 ‘Low Cost’ Virtual Event Management von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit, von Parldigi sowie den Vereinen Digital Impact Network und CH Open weiter. Auch habe ich als Redner (bspw. Keynote an KID-Tagung 2020 des SEM) und Zuhörer an zahlreichen Online-Veranstaltungen teilgenommen, was meine Erfahrungen mit weiteren Perspektiven ergänzt. Dabei habe ich bislang vier verschiedene virtuelle Event-Typen identifiziert:

1. Variante “komplett virtuell”
2. Variante “Fernseh-Studio”
3. Variante “Sessions lokal, Teilnahme virtuell” und
4. Variante “vollständig hybrid”

Ich bin gespannt auf Feedback, wie andere dies in den letzten Monaten erlebt haben und aktuell immernoch tun!

1. Der vollständig virtuelle Event aus dem Homeoffice

Beim vollständig virtuellen Event sind sowohl Moderation wie auch Speakers im Homeoffice und senden mit ihren eigenen Laptops und Webcams. Beim Verein Digital Impact Network haben wir schon am 1. April 2020 das erste komplett virtuelle Online-Meetup #DINversusCorona durchgeführt. Ein paar Tage später haben Lionel und ich dann von zu Hause aus einen virtuellen Scratch-Kurs mit rund 30 Kids durchgeführt.

Den ersten grösseren, vollständig virtuellen Event aus dem Homeoffice habe ich im Rahmen des Open Education Halfday 2020 am Samstag, 25. April 2020 mitorganisiert. Von CH Open und der PH Bern haben wir kurzfristig dank einer BigBlueButton-Instanz von den teckids für den Anlass mit rund 150 Teilnehmenden und etwa 30 Speakers nutzen dürfen. Das hat technisch gesehen sehr gut geklappt, insbesondere wenn man bedenkt, dass wir innerhalb von drei, vier Wochen das fixfertige Vorort-Programm komplett auf einen virtuellen Event umgestellt haben und im April 2020 die meisten noch wenig Speaker-Erfahrung mit Video Conferencing Tools hatten.

Auch die Video Conferencing Software BigBlugButton hat sich enorm gut bewährt – sowohl didaktisch wie auch technisch. Inspiriert von dieser positiven Erfahrung haben wir anschliessend den von green gesponsorte BigBlueButton-Server der CH Open initiiert. Auf dieser Instanz sind unterdessen über 1800 Personen registriert, die im 2020 insgesamt über 13’500 Meetings durchgeführt haben.

2. Der virtuelle Event aus dem ‘Fernseh-Studio’

Ein virtueller Event mit ‘Fernseh-Studio’ Atmosphäre findet statt, wenn die Moderation an der Event-Location vor Ort ist, aber die einzelnen Speakers von ihren Büros oder Homeoffices aus über eine Video Conferencing Plattform senden. Das hat den Vorteil, dass der Gesamt-Event einiges professioneller daherkommt, weil die Studio-Location aufwändig eingerichtet wird. Dafür ist ein professionelles Filming notwendig, was das ganze wieder etwas teuerer macht. Dennoch sehr gute Erfahrungen haben wir damit an der DINAcon 2020 gemacht, als wir in der Welle7 vor Ort unser Studio aufbauen konnten und mit Jonathan Hess und seinem Team von Moving Water eine professionelle, aber dennoch zahlbare Video- und Audio-Einrichtung vor Ort installieren konnten.

Mit Profis am Werk war es so auch möglich, tolle Clips und Sounds einzublenden, sodass der aufgezeichnete YouTube Live-Stream inkl. Vortrag von ESA Chief Digital Officer Bianca Hoersch und SwissCovid App Chef-Entwickler Mathias Wellig einen doch sehr guten Eindruck hinterlässt. Wiederum mit BigBlueButton haben wir dann die zahlreichen Workshop-Sessions durchgeführt, die wir auch aufzeichnen konnten.

3. Virtueller Event mit lokal durchgeführten Sessions

Beim lokal durchgeführten virtuellen Event werden alle Speakers für die Durchführung und das Filming der Sessions vor Ort eingeladen, aber die Teilnahme für die Besuchenden ist nur remote möglich. Dies hat der Vorteil, dass sich die Speakers nicht selber um das Streaming Equipment kümmern müssen, sondern im Plenumsraum und in den Workshop-Räumen ganz auf ihre Inhalte fokussieren können. Der Nachteil ist, dass so ein Event – ähnlich wie ein normaler vor-Ort-Event - aufwändig ist zu organisieren. Aber dafür ist der Anlass soweit Corona-sicher durchzuführen, da sich nicht mehr als 5 Personen in einem Raum aufhalten müssen. Und man kann es gegenüber den Speakers flexibel handhaben, ob sie von der Technik vor Ort profitieren wollen, dafür aber anreisen müssen, oder ob sie vom Homeoffice aus selber das Streaming verantworten. So haben wir denn auch diese Form gewählt, den Open Education Day 2021 am Samstag, 24. April 2021 an der PH Bern im vonRoll-Areal durchzuführen. Wir sind gespannt, wie viele Speakers dann tatsächlich an die Event Location kommen und wie viele von zu Hause aus senden werden.

4. Der komplett hybride Event

Beim vollständig hybriden Event können sowohl die Speakers als auch die Teilnehmenden entweder vor Ort oder von zu Hause aus am Anlass partizipieren. Das hat den Vorteil, dass die alle ihrem Gusto entsprechend über die Form der Teilnahme entscheiden können. Der Nachteil ist jedoch, dass die Organisation eines solchen Event-Formats wohl am Aufwändigsten ist. Einerseits müssen die Speakers sowohl die vor-Ort Anwesenden als auch die Remote-Teilnehmenden ansprechen. Das hat der Nachteil, dass man als Redner so keiner Ansprechsgruppe richtig gerecht werden kann. Ich habe das selber mehrfach als Dozent meiner Vorlesung “Digitale Nachhaltigkeit” erlebt, als im Herbst 2020 die Veranstaltungen vor Ort noch besucht werden durften, aber die Uni Bern doch die Teilnahme von zu Hause aus empfohlen hat. Andererseits ist man als Organisator eines hybriden Events gezwungen, sich enorm viel mit technischen Details von Video- und Audio-Input und -Output zu beschäftigen.

Diese Erfahrung machten wir an der IT-Beschaffungskonferenz 2020 am 26. August 2020 in Bern, als wir aufgrund der kantonalen Beschränkungen rund 100 Teilnehmende vor Ort und rund 80 Remote-Teilnehmende begrüssen durften. Bei rund 40 Speakers war der Aufwand enorm, insbesondere da die zahlenden Teilnehmenden sowohl vor Ort als auch remote verständlicherweise hohe Ansprüche an die Veranstaltung hatten. Im Plenum konnten wir uns die Moving Water Film-Crew leisten, in den 10 Session-Räumen hatten wir mit eigenen Laptops eine Live-Übertragung per BigBlueButton umgesetzt. Die Video Conferencing Plattform funktionierte einwandfrei, aber wir hatten umso mehr Aufwand mit der Video-und Audio-Hardware. Da ärgerten wir uns beispielsweise rum mit unterschiedlichen Audio-Klinkenstecker-Typen und verschiedenen Signalerkennungs-Mechanismen von den Übertragungs-Laptops was viel Zeit und Nerven kostete. Das Resultat war dennoch zufriedenstellend, sodass wir nun immerhin das ganze Conference-Package inkl. Aufzeichnungen und Folien-Downloads für CHF 100 verkaufen können.

Fazit

Ich denke mit diesem kurzen Blog-Beitrag ist ersichtlich geworden, dass es nicht einfach “den” virtuellen Event gibt, sondern dass es unterschiedliche Formen mit jeweils anderen Vor- und Nachteilen für Organisatoren, Speakers und Teilnehmenden gibt. Kennt ihr andere Varianten der Online-Event-Austragung? Was sind eure Erfahrungen damit? Und wo liegt für euch der beste Kompromiss zwischen Aufwand und Nutzen der Event-Formate?

Habilitationsvortrag zu digitaler Nachhaltigkeit

Am kommenden Dienstag, 12. Mai 2020 werde ich vor der Phil.-nat. Fakultät der Universität Bern von 13:30h bis 14:30h meinen Habilitationsvortrag zu digitaler Nachhaltigkeit halten – ironischerweise mittels Zoom und YouTube Streaming ;)

https://www.youtube.com/watch?v=C_UlFFBHrDI

Update 21. Mai 2020: Die Phil.-nat. Fakultät hat meine Habilitation angenommen und die Universitätsleitung hat mir somit die sogenannte “Venia docendi” und den Titel “Privatdozent” verliehen. Hier ist nun die Zusammenfassung meiner 13 Publikationen rund um digitale Nachhaltigkeit veröffentlicht (natürlich verfasst mittels LibreOffice und Zotero): Perspectives on Digital Sustainability

Digital sustainability – a concept for the digitalized future

The notion of sustainable development originates from a time without computers and Internet. Today, the use of information and communication technology (ICT) is ubiquitous affecting our society in multiple ways. On the one hand, the total energy consumption of data centers, networks, sensors and end user devices is rising by 9% per year and is expected to reach about 3800 TWh in 2020, causing more global greenhouse gas emissions than the entire civil air transport (even before Corona). On the other hand, the global datasphere is estimated to grow from 33 zettabytes in 2018 to 175 zettabytes in 2025. The big five US corporations Google, Apple, Facebook, Amazon and Microsoft (GAFAM) control much of this data making them more powerful than the Japanese economy, the third largest economy of the world: The combined market capitalization of GAFAM amounts to USD 5.4 trillion, more than the Japanese gross domestic product (GDP) of USD 5.1 trillion.

Thus, much digital knowledge is under corporate control leading to a loss of value for the society. Therefore, the concept of sustainability needs to be expanded: not only the physical world with its ecological, social and economic resources but also the virtual world with its capital of digital knowledge must be protected. “Digital sustainability” represents a novel concept connecting digitalization with sustainability. In order to serve society in the long term digital artifacts such as software or data need to meet technical characteristics of quality, transparency, semantics and diversified locations. In addition, their associated ecosystem of businesses, governments, and individuals must also meet legal and organizational characteristics like open licenses, shared tacit knowledge, participation, good governance, and diversified funding. And finally, sustainable digital artifacts must also lead to ecological, societal and economical benefits.

The habilitation lecture will introduce the challenges of digitalization and its connection with sustainable development. The basic conditions for digital sustainability are presented and applied to the current example of the new Swiss COVID-19 proximity tracing mobile apps.

Virtueller Scratch-Kurs am kommenden Samstag, 4. April 2020

Liebe Eltern, liebe Kinder

Da der geplante Scratch-Kurs am kommenden Samstag nicht vor Ort an der Uni Bern stattfinden kann, führen Lionel und ich an diesem Tag spontan einen kostenlosen, virtuellen Scratch-Event durch:

Wer sich anmeldet, kann sich am kommenden Samstag, 4. April 2020 von 10h bis 12h und von 13h bis 15:30h in eine Video-Konferenz Session einklinken und dann mit Lionel und anderen Kids zusammen Scratch programmieren lernen bzw. ein eigenes Scratch-Projekt mit Coaching durch Lionel umsetzen:

Einerseits können diejenigen, die noch keinen CS First Kurs besucht haben, aus drei verschiedenen Modulen auswählen, wie sie die Scratch-Grundlagen erlernen möchten (Game Design, Musik und Sound sowie Kunst). Andererseits bieten wir für erfahrene Scratcher*innen an, dass sie an diesem Tag ihr eigenes Projekt erarbeiten und dann zum Abschluss des Tages um 15h allen vorstellen können.

Die technische Voraussetzung ist, dass Laptop/Computer mit externer Maus und Kopfhörer vorhanden sind, dass ein guter Internet-Anschluss besteht und dass das Video-Konferenz Tool Zoom (“Zoom-Client für Meetings“) installiert ist.

Bitte meldet euch bzw. eure Kinder bis spätestens am Donnerstag Abend, 2. April 2020 bei mir per Email an (matthias.stuermer@inf.unibe.ch). Die Teilnehmerzahl ist begrenzt – first come, first served. Der Link zum Zoom-Meeting und der Code für den Scratch-Kurs werden am Freitag, 3. April 2020 per Email allen angemeldeten Teilnehmenden mitgeteilt.

Für die geplanten Scratch-Anlässe im Juni und August hoffen wir, dass wir diese dann wieder vor Ort an der Uni Bern durchführen können:

Samstag, 20. Juni 2020, 10h-16h
Infos beim Digital Impact Network: https://digitalimpact.ch/events/scratch-einfuehrungskurs-juni-2020/
Infos und Anmeldung beim Fäger: https://www.faeger.ch/de/programm/scratch-einfuehrungskurs-juni-2020-79.html?event_date=131

Donnerstag, 6. August 2020 und Freitag, 7. August 2020, jeweils 10h-16h
Infos beim Digital Impact Network:
https://digitalimpact.ch/events/programmieren-lernen-mit-scratch-2/
Infos und Anmeldung beim Fäger: https://www.faeger.ch/de/programm/scratch-einfuehrungskurs-august-2020-80.html?event_date=132

Dann vielleicht bis in einer Woche!

Gute Gesundheit und herzliche Grüsse,

Matthias & Lionel Stürmer

PS: Link zu Lionels Scratch-Projekte und YouTube-Clips zu Scratch

1. August-Rede in Büren an der Aare

Dieses Jahr hatte ich die Ehre, in Büren an der Aare die 1. August-Rede 2019 zu halten. Hier meine gestrigen Worte:

Sehr geehrte Gemeinderäte, sehr geehrte Einwohnende von Büren, liebe Gäste

Ich fühle mich sehr geehrt, als Berner Stadtrat von Ihnen eingeladen zu werden. Ich deute das als Zeichen der Versöhnung: Denn wie Sie sich vielleicht erinnern, hat die Stadt Bern 1388 das schöne Städtchen Büren an der Aare erobert. So hoffe ich, falls da noch ungute Gefühle sind, dass diese historische Vergangenheit mit dem heutigen Abend christlich vergeben ist.

Wie Sie wissen bin ich von der EVP, der “elektronischen Volkspartei”. Darum werde ich heute Abend über Digitalisierung reden. Andererseits steht das “E” ja eigentlich für “evangelisch”. Darum werde ich mit dem Thema “Dankbarkeit” einen zweiten, mir wichtigen Punkt aufgreifen.

Digitalisierung

Wir befinden uns in einem Zeitalter von unglaublichen technologischen Veränderungen. Alles passiert enorm schnell. Die Digitalisierung kann niemand aufhalten. Seit erst 12 Jahren gibt es Smartphones, heute haben praktisch alle eines.

Dramatisch ist auch den Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz. Noch vor wenigen Jahren ist es undenkbar gewesen, was heute Informatik für uns leistet. Die Computer sind heute nicht nur erfolgreicher im Schach spielen oder beim Pokern. Diese Woche wurde bekannt, dass eine grosse amerikanische Bank künftig einen Algorithmus braucht um Werbetexte zu schreiben. Man hat herausgefunden, dass die Texte von der künstlichen Intelligenz erfolgreicher gewesen sind als die von Marketing-Profis.

“Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert” Das ist die Prognose für die digitale Zukunft. Möglich ist das durch maschinelles Lernen, Machine Learning. Damit kann man Sprachen mit dem Smartphone erkennen, Röntgenbilder in der Medizin verstehen, mit Gesichtserkennung die Flughäfen sicherer machen oder selbstfahrende Autos steuern.

Solche selbstlernenden Computer können sehr praktisch sein. Ein Beispiel aus meinem Alltag an der Uni Bern: Für Übersetzungen brauche ich seit einigen Monaten DeepL. Dieser gratis Übersetzungsservice ist so gut, dass ich manchmal Sätze auf Englisch schreibe, sie von DeepL auf Deutsch übersetzen lasse, dann diesen Satz wieder mit DeepL zurück auf Englisch übersetze – und dann ist der neue englische Satz manchmal besser formuliert als mein ursprünglicher Satz. Dafür bin ich sehr dankbar!

Eigentlich ist das alles nichts Neues: Die mathematischen Grundlagen für künstliche Intelligenz gibt es schon seit den 1950er Jahren. Es hat aber bis jetzt die benötigte Rechenleistung gefehlt. Und man hat zu wenige Daten gehabt.

Heute ist das anders: Was denken Sie, wie viele Daten gibt es heute auf der Erde? – Man schätzt, dass es rund 33 Zettabyte sind. Was ist ein Zettabyte? Das ist eine 1 mit 21 Nullen. Oder für die, die es gerne etwas technischer mögen: Sie kennen Megabytes, danach folgen Gigabytes, dann Terrabytes, dann Petabytes, dann Exabytes und dann Zettabytes. Einfach unglaublich viele Daten. Und der Datenberg wächst laufend weiter: Bis im Jahr 2025 werden 175 Zettabyte erwartet, noch einmal fünfmal mehr als heute.

Industrie 4.0

Was hat jetzt all diese Technik mit der Schweiz und dem 1. August zu tun? Sehr vieles. Die fortschreitende Digitalisierung ist eine Chance für unser Land, aber sie löst auch viele Ängste aus. Man redet von der 4. industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, nach der Elektrifizierung und nach der Erfindung des Computers sagt man der heutigen Zeit “Industrie 4.0″.

Es geht um die grundlegende digitale Transformation der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft. Alles wird vernetzt. Überall werden digitale Geräte eingesetzt. Das verändert die Arbeitswelt enorm. Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Das macht verständlicherweise Angst.

Auch das ist aber nicht neu: Im 19. Jahrhundert haben die sogenannten Maschinenstürmer die Fabriken mit den Webmaschinen abgebrannt. Heute werden wegen 5G Mobilfunkmasten gesprengt, wie kürzlich in Morges passiert. Das ist auch eine Form des Widerstands gegen die Digitalisierung. Aber er ist zwecklos.

Niemand bleibt verschont. Auch bei uns an der Uni gibt es grosse Veränderungen. YouTube ist eine Ursache davon. Eine Vorlesung unterrichte ich seit kurzem mit YouTube-Videos. Das ist praktisch, aber es hat auch viel Umdenken als Dozent gebraucht.

Daher lautet meine Empfehlung: Flexibel sein, positiv reagieren, die neuen Möglichkeiten kennenlernen und nutzen. Weil manchmal ergeben sich gerade aus unerwarteten Veränderungen neue Chancen.

Chancen packen

Sie als Bürerinnen und Bürer können das. In den nationalen Medien hat man Anfangs Juli lesen können, dass ein Kornkreis hier in Büren ist entdeckt worden. Das hat natürlich einen Schaden beim Weizen verursacht. Aber die betroffenen Bauern sind schlau gewesen und haben ein Kässeli für die Besuchenden aufgestellt. Ich finde das sehr clever: unternehmerisches Denken praktizieren, dort wo andere sich über den Schaden beklagt hätten.

Dies ist auch bei der Digitalisierung die richtige Antwort: Jede Veränderung hat Chancen. In einem Monat, am 3. September, findet der Digitaltag statt. An diesem Tag werden für die Bevölkerung überall in der Schweiz Hunderte von Anlässe, Vorträgen und Workshops zu Digitalisierungsthemen stattfinden. Das Motto des Tages lautet “Lifelong Learning”, lebenslanges Lernen. Das ist eine weitere wichtige Voraussetzung, dass wir die 4. Industrielle Revolution gut überstehen: Dass wir uns das Leben lang weiterbilden. Das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten ist gross und wächst ständig.

Generell denke ich, dass wir in der Schweiz für die Veränderungen durch die Digitalisierung gut aufgestellt sind: Wir haben mit der direkten Demokratie ein ideales politisches System, eine hohe Beschäftigung, stabile Sozialwerke und gute Bildungs- und Forschungsinstitutionen. Kurz gesagt, wir können dankbar sein hier in diesem Land zu leben.

Dankbarkeit

Dankbarkeit, was ist das eigentlich? Ein positives Gefühl? Ein Weg zum glücklich werden? Im Internet kann man lesen: “Dankbarkeit macht gesund, leistungsfähig, ausgeglichen und stärkt Beziehungen”. Auch in der Bibel steht, dass Dankbarkeit glücklich macht: “Seid dankbar in allen Dingen”

Selbst die Wissenschaft hat erwiesen, dass Dankbarkeit nicht nur andere ermutigt, sondern dass man sich auch selber glücklicher fühlt, wenn man dankbar ist. Das Fazit einer Studie ist, dass man mit Dankbarkeit sich selber und andere glücklicher macht und dass man dabei nicht Angst vor Peinlichkeiten haben sollte. Fangen wir also bei uns selber an und sagen es anderen, dass wir sie wertschätzen.

Gleichzeitig ist Dankbarkeit nicht selbstverständlich. Häufig jammern wir und beklagen uns über das, was nicht gut läuft. Wir haben Selbstmitleid oder noch schlimmer: Wir sind neidisch auf andere, weil wir denken, dass es denen ja viel besser geht. Eine Forscherkollegin hat nachgewiesen, dass Facebook tendenziell neidisch und unglücklich macht. Man sieht all die tollen Ferienfotos, die glücklichen Familienbilder oder Erfolgsgeschichten seiner Freunde und wird dann entsprechend eifersüchtig. Man vergisst sozusagen, für was man selber dankbar sein könnte.

Dankbarkeit ist zwar nicht selbstverständlich – aber man kann es trainieren. Meine Frau Anita hat da eine clevere Lösung gefunden. Seit einem Jahr schreibt sie sich ab und zu in ein Büchlein, für was sie dankbar ist. Nur ein paar Stichworte. Sie hat schon über 200 Einträge drin. So übt sie für sich einen dankbaren Lebensstil.

Dankbar für meine Familie

Persönlich bin ich sehr dankbar für meine Familie, für Anita, für unsere drei Kinder, für meine Arbeitsstelle, für meinen Freundeskreis, für die Stadt Bern, für die Schweiz, für unser politisches System. Natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was in der Politik geschieht. Aber im Grunde kann ich nach bald 8 Jahren im Berner Stadtrat doch sagen, dass fast alle Politikerinnen und Politiker gute Absichten haben – aber halt einfach unterschiedliche Wege sehen, was man tun sollte.

Und doch gibt es manchmal Dinge, für die man nicht dankbar sein kann. Umweltzerstörung, Krieg, Terror. Aktuell ist der Tötungsfall im Frankfurter Bahnhof. Besonders schlimm sind Krankheit oder Tod eines Angehörigen. Solche Ereignisse werfen Fragen auf, für die es keine Antworten gibt.

Ich habe vor viereinhalb Jahre meinen Tiefpunkt gehabt. Es ist tiefer Winter gewesen, der 31. Januar 2015. Meine Schwester ist damals auf einer SAC-Skitour durch eine Lawine gestorben. Das ist bis heute mein schlimmstes Erlebnis gewesen. Und trotzdem hat es auch in dieser Situation Lichtblicke gegeben, für die bin ich dankbar gewesen: Meine Frau und meine Kinder haben mich unterstützt. Die grosse Anteilnahme vieler Freunde und Bekannte. Die heute gute Beziehung zu meinen Eltern. Wir stürmen nicht mehr um Belangloses. Ich kann sagen, die Beziehungen in unserer Familie sind durch das tragische Unglück gewachsen. Wir schätzen einander mehr als vor diesem schlimmen Ereignis. Das Beispiel zeigt, dass man auch in solchen dunklen Momenten Gründe für Dankbarkeit finden kann.

Ich möchte Sie ermutigen für die Zukunft von Büren, vom Kanton Bern, von der Schweiz, von dieser Welt. Zeigen wir unseren Mitmenschen Wertschätzung und Dankbarkeit. Seien wir zufrieden mit dem was wir haben. Aber lasst uns nicht selbstzufrieden werden, nicht bequem oder faul. Sondern bleiben wir am Ball und stellen uns den Veränderungen von dem Leben!

So bin ich dankbar für den heutigen analogen Abend, fürs schöne Wetter, fürs feine Essen – spendiert von der Gemeinde Büren – für die Musik, fürs 1. August Feuer, für die gute Stimmung, fürs Zusammensein.

Häbet e guete Abe miteinander!