Vier virtuelle Event-Typen und einige Erfahrungen als Organisator und Speaker

Nach Hunderten von BigBlueButton-, Zoom-, Teams-, Skype-, JitsiMeet- und weiteren Online-Tool-Sessions sind wir Homeoffice-Arbeitenden wohl alle mehr oder weniger Virtual Meeting erprobt. Zu zweit oder in kleineren Teams ist es unterdessen auch eine Normalität geworden Online-Meetings durchzuführen. Welches aber sind die unterschiedlichen Formen von virtuellen Events mit Dutzenden oder Hunderten von Teilnehmenden und Speakers? Und was sind die Vor- und Nachteile der jeweiligen Formate aus Perspektive der Organisierenden, Speakers und Teilnehmenden?

In diesem Blog-Post gebe ich einige meiner Erfahrungen aus dem 2020 ‘Low Cost’ Virtual Event Management von der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit, von Parldigi sowie den Vereinen Digital Impact Network und CH Open weiter. Auch habe ich als Redner (bspw. Keynote an KID-Tagung 2020 des SEM) und Zuhörer an zahlreichen Online-Veranstaltungen teilgenommen, was meine Erfahrungen mit weiteren Perspektiven ergänzt. Dabei habe ich bislang vier verschiedene virtuelle Event-Typen identifiziert:

1. Variante “komplett virtuell”
2. Variante “Fernseh-Studio”
3. Variante “Sessions lokal, Teilnahme virtuell” und
4. Variante “vollständig hybrid”

Ich bin gespannt auf Feedback, wie andere dies in den letzten Monaten erlebt haben und aktuell immernoch tun!

1. Der vollständig virtuelle Event aus dem Homeoffice

Beim vollständig virtuellen Event sind sowohl Moderation wie auch Speakers im Homeoffice und senden mit ihren eigenen Laptops und Webcams. Beim Verein Digital Impact Network haben wir schon am 1. April 2020 das erste komplett virtuelle Online-Meetup #DINversusCorona durchgeführt. Ein paar Tage später haben Lionel und ich dann von zu Hause aus einen virtuellen Scratch-Kurs mit rund 30 Kids durchgeführt.

Den ersten grösseren, vollständig virtuellen Event aus dem Homeoffice habe ich im Rahmen des Open Education Halfday 2020 am Samstag, 25. April 2020 mitorganisiert. Von CH Open und der PH Bern haben wir kurzfristig dank einer BigBlueButton-Instanz von den teckids für den Anlass mit rund 150 Teilnehmenden und etwa 30 Speakers nutzen dürfen. Das hat technisch gesehen sehr gut geklappt, insbesondere wenn man bedenkt, dass wir innerhalb von drei, vier Wochen das fixfertige Vorort-Programm komplett auf einen virtuellen Event umgestellt haben und im April 2020 die meisten noch wenig Speaker-Erfahrung mit Video Conferencing Tools hatten.

Auch die Video Conferencing Software BigBlugButton hat sich enorm gut bewährt – sowohl didaktisch wie auch technisch. Inspiriert von dieser positiven Erfahrung haben wir anschliessend den von green gesponsorte BigBlueButton-Server der CH Open initiiert. Auf dieser Instanz sind unterdessen über 1800 Personen registriert, die im 2020 insgesamt über 13’500 Meetings durchgeführt haben.

2. Der virtuelle Event aus dem ‘Fernseh-Studio’

Ein virtueller Event mit ‘Fernseh-Studio’ Atmosphäre findet statt, wenn die Moderation an der Event-Location vor Ort ist, aber die einzelnen Speakers von ihren Büros oder Homeoffices aus über eine Video Conferencing Plattform senden. Das hat den Vorteil, dass der Gesamt-Event einiges professioneller daherkommt, weil die Studio-Location aufwändig eingerichtet wird. Dafür ist ein professionelles Filming notwendig, was das ganze wieder etwas teuerer macht. Dennoch sehr gute Erfahrungen haben wir damit an der DINAcon 2020 gemacht, als wir in der Welle7 vor Ort unser Studio aufbauen konnten und mit Jonathan Hess und seinem Team von Moving Water eine professionelle, aber dennoch zahlbare Video- und Audio-Einrichtung vor Ort installieren konnten.

Mit Profis am Werk war es so auch möglich, tolle Clips und Sounds einzublenden, sodass der aufgezeichnete YouTube Live-Stream inkl. Vortrag von ESA Chief Digital Officer Bianca Hoersch und SwissCovid App Chef-Entwickler Mathias Wellig einen doch sehr guten Eindruck hinterlässt. Wiederum mit BigBlueButton haben wir dann die zahlreichen Workshop-Sessions durchgeführt, die wir auch aufzeichnen konnten.

3. Virtueller Event mit lokal durchgeführten Sessions

Beim lokal durchgeführten virtuellen Event werden alle Speakers für die Durchführung und das Filming der Sessions vor Ort eingeladen, aber die Teilnahme für die Besuchenden ist nur remote möglich. Dies hat der Vorteil, dass sich die Speakers nicht selber um das Streaming Equipment kümmern müssen, sondern im Plenumsraum und in den Workshop-Räumen ganz auf ihre Inhalte fokussieren können. Der Nachteil ist, dass so ein Event – ähnlich wie ein normaler vor-Ort-Event - aufwändig ist zu organisieren. Aber dafür ist der Anlass soweit Corona-sicher durchzuführen, da sich nicht mehr als 5 Personen in einem Raum aufhalten müssen. Und man kann es gegenüber den Speakers flexibel handhaben, ob sie von der Technik vor Ort profitieren wollen, dafür aber anreisen müssen, oder ob sie vom Homeoffice aus selber das Streaming verantworten. So haben wir denn auch diese Form gewählt, den Open Education Day 2021 am Samstag, 24. April 2021 an der PH Bern im vonRoll-Areal durchzuführen. Wir sind gespannt, wie viele Speakers dann tatsächlich an die Event Location kommen und wie viele von zu Hause aus senden werden.

4. Der komplett hybride Event

Beim vollständig hybriden Event können sowohl die Speakers als auch die Teilnehmenden entweder vor Ort oder von zu Hause aus am Anlass partizipieren. Das hat den Vorteil, dass die alle ihrem Gusto entsprechend über die Form der Teilnahme entscheiden können. Der Nachteil ist jedoch, dass die Organisation eines solchen Event-Formats wohl am Aufwändigsten ist. Einerseits müssen die Speakers sowohl die vor-Ort Anwesenden als auch die Remote-Teilnehmenden ansprechen. Das hat der Nachteil, dass man als Redner so keiner Ansprechsgruppe richtig gerecht werden kann. Ich habe das selber mehrfach als Dozent meiner Vorlesung “Digitale Nachhaltigkeit” erlebt, als im Herbst 2020 die Veranstaltungen vor Ort noch besucht werden durften, aber die Uni Bern doch die Teilnahme von zu Hause aus empfohlen hat. Andererseits ist man als Organisator eines hybriden Events gezwungen, sich enorm viel mit technischen Details von Video- und Audio-Input und -Output zu beschäftigen.

Diese Erfahrung machten wir an der IT-Beschaffungskonferenz 2020 am 26. August 2020 in Bern, als wir aufgrund der kantonalen Beschränkungen rund 100 Teilnehmende vor Ort und rund 80 Remote-Teilnehmende begrüssen durften. Bei rund 40 Speakers war der Aufwand enorm, insbesondere da die zahlenden Teilnehmenden sowohl vor Ort als auch remote verständlicherweise hohe Ansprüche an die Veranstaltung hatten. Im Plenum konnten wir uns die Moving Water Film-Crew leisten, in den 10 Session-Räumen hatten wir mit eigenen Laptops eine Live-Übertragung per BigBlueButton umgesetzt. Die Video Conferencing Plattform funktionierte einwandfrei, aber wir hatten umso mehr Aufwand mit der Video-und Audio-Hardware. Da ärgerten wir uns beispielsweise rum mit unterschiedlichen Audio-Klinkenstecker-Typen und verschiedenen Signalerkennungs-Mechanismen von den Übertragungs-Laptops was viel Zeit und Nerven kostete. Das Resultat war dennoch zufriedenstellend, sodass wir nun immerhin das ganze Conference-Package inkl. Aufzeichnungen und Folien-Downloads für CHF 100 verkaufen können.

Fazit

Ich denke mit diesem kurzen Blog-Beitrag ist ersichtlich geworden, dass es nicht einfach “den” virtuellen Event gibt, sondern dass es unterschiedliche Formen mit jeweils anderen Vor- und Nachteilen für Organisatoren, Speakers und Teilnehmenden gibt. Kennt ihr andere Varianten der Online-Event-Austragung? Was sind eure Erfahrungen damit? Und wo liegt für euch der beste Kompromiss zwischen Aufwand und Nutzen der Event-Formate?

Digitale Kompetenzen in Stadtberner Schulen

Editorial in EVP Info 1/2015 Stadt Bern

Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) sind in unserer Gesellschaft schon heute wichtig und werden in Zukunft noch wichtiger. Eine besonders zentrale Rolle spielt ICT im Bildungsbereich, wo die nächsten Generationen ausgebildet werden. Die Gefahr besteht jedoch, dass sich durch ungleiche Voraussetzungen ein „digitaler Graben“ bildet, also Unterschiede zwischen den sozialen Schichten auch bezüglich ICT-Fähigkeiten zunehmen. Ich bin deshalb überzeugt, dass digitale Kompetenzen allen Schülerinnen und Schülern in gleichem Umfang möglichst früh gelehrt werden müssen um von Anfang an die Chancengleichheit sicherzustellen.

Dies sieht auch der Lehrplan 21 vor, der den beiden Bereichen Medien und Informatik einen hohen Stellenwert beimisst. Informatik- und Medienkompetenz wird als vierte Kulturtechnik verstanden, die neben Schreiben, Lesen und Rechnen zu den Grundkompetenzen gehören, welche die Volksschule zu vermitteln hat. Konkret bedeutet dies, dass die Lernenden beispielsweise die Möglichkeiten und Risiken von sozialen Medien kennen und den bewussten Umgang damit beherrschen. Bei der Informatikkompetenz sollen die Funktionsweise von Anwendungen und die Entwicklung von kleinen Software-Programmen erlernt werden.

Wie ist nun die heutige Informatiksituation in den Berner Schulen? 2006 hat die Stimmbevölkerung den 8.5 Millionen Franken Kredit für eine neue Schulinformatik genehmigt. Mit dem Programm „base4kids“ haben die rund 8000 Stadtberner Schulkinder nun seit 2009 Zugang zu Computer und Internet. In insgesamt 46 Schulhäuser stehen zur Zeit 2100 Laptops und PCs, die mit einem pädagogischem Konzept im Unterricht eingesetzt werden. Das ist eine gute, aber nicht ausreichende Grundausrüstung für die Zukunft, denn an vielen Schulen ist der Internetanschluss noch zu langsam und sind zu wenige Arbeitsgeräte vorhanden.

Damit die junge Generation einen gleichberechtigten Zugang zur digitalen Welt erhalten kann, sind neben einer besseren Infrastruktur vor allem auch neue Lernformen notwendig. Um einen selbstbewussten Umgang mit Informatik zu gewinnen, ist es meines Erachtens wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler grundlegende Erfahrungen in der Programmierung von einfachen Anwendungen machen können. Mit zahlreichen kostenlosen Lernmittel auf www.code.org oder www.codeschool.com ist es heute möglich, die Konzepte der Software-Entwicklung spielerisch kennen zu lernen. Nutzen wir also die Chance und lassen unsere Kinder die nötigen Fähigkeiten für die digitale Welt der Zukunft erlernen!

Mitschreiben an der digitalen Welt

Wer Computerprogramme schreiben kann, gestaltet die digitale Welt mit – alle anderen sind abhängige Konsumenten. Deshalb sollten am besten schon Kinder die Kulturtechnik des Programmierens lernen. Entscheidend ist ausserdem, dass wir überhaupt mitschreiben dürfen – dafür setzen sich die verschiedenen «Open»-Bewegungen ein.

Beitrag von Matthias Stürmer im UniPress 162/2014

Was ist eine Programmiersprache? Eigentlich nichts anderes als eine Schrift, mit der Menschen mit Maschinen kommunizieren können. Wie bei den menschlichen Sprachen gibt es auch viele verschiedene Programmiersprachen: alte und neue, einfache und schwierig zu erlernende, weit verbreitete und sehr selten verwendete Programmiersprachen. Das von Menschen geschriebene Programm ist der Quelltext, auch Source Code genannt. Für die Ausführung auf dem Computer wird dieser mit einem sogenannten Compiler in Maschinensprache übersetzt, die letztlich die binären Datenketten von 0 und 1 ergeben und von den Mikroprozessoren der Rechner als Software verarbeitet werden können.

Bisher waren es meist ausgebildete Informatiker und clevere Quereinsteiger, die sich beruflich oder in der Freizeit mit Software-Programmierung beschäftigt haben. Heute gibt es mit Code.org, Codeacademy.com oder Codeschool.com immer mehr Internetplattformen, mit denen auch Laien und gar Kinder selbständig programmieren lernen können. Und das macht Sinn, denn im digitalen Zeitalter sollte neben Lesen und Schreiben von herkömmlicher Schrift die Beherrschung der Mensch-Maschinen-Kommunikation – also «Programmieren» – den gleichen Stellenwert erhalten. Software ist heute so wichtig und allgegenwärtig, dass Programmieren als Kulturtechnik gelten muss. Damit werden aus Konsumenten und Zuhörerinnen der digitalen Welt Menschen, die mitschreiben und mitgestalten können – am besten ab dem Grundschulalter.

Auf freie Forschung programmiert

Aber nicht nur Kinder sollen Programmieren lernen, auch für angehende Forschende ist das Beherrschen von Programmiersprachen wichtig. In vielen Disziplinen der Naturwissenschaft wie in der Physik oder der Chemie besteht heute ein wichtiger Teil der Arbeit aus Programmieren – dem Computer Anweisungen und Regeln vorgeben, wie er Daten auszuwerten und darzustellen hat. Wohl für sämtliche Fachrichtungen ist die Visualisierung von Informationen von grossem Nutzen, seien es Statistiken, geografische Darstellungen oder dreidimensionale Abbildungen. Deshalb stehen die Vorlesungen und Seminare am Institut für Wirtschaftsinformatik rund um Datenvisualisierung und Open Data allen Studierenden offen. Dort wird unterrichtet, wie ohne Programmier-Vorkenntnisse mittels moderner Web-Technologien neue Anwendungen entwickelt werden können. Unter den rund 60 Teilnehmenden der ersten Durchführung im vergangenen Frühlingssemester fanden sich neben Betriebswirtschafts- und Informatikstudierenden auch Politologinnen, Psychologen und Sportwissenschaftlerinnen. Die resultierenden 29 Anwendungen, so genannte «Open Data Apps», sind frei zugänglich und wurden in mehreren Online-Publikationen porträtiert.

Verwendet wird in der erwähnten Lehrveranstaltung ausschliesslich Open Source Software, denn diese ist kostenlos und vollständig offen als Internet-Download zugänglich. Die Lernenden müssen keine Lizenzen kaufen, denn Open Source Software ist stets lizenzkostenfrei. Damit werden die Informatikausgaben gesenkt und gleichzeitig wird die Chancengleichheit in der Bildung verbessert. Andererseits ermöglicht diese quelloffene Software, dass der Quelltext uneingeschränkt gelesen, genutzt, verändert und weiterverbreitet werden darf. Software unter einer Open Source Lizenz wird damit zu einem öffentlichen Gut, von dem alle profitieren und zu dem alle beitragen können. Die Offenheit des Quelltextes erlaubt es ausserdem, die Funktionsweise der Programme bis ins letzte Detail zu verstehen und bei Bedarf auch zu erweitern – ein Vorteil aus pädagogischer Sicht, da Neugierde und Verständnis gefördert werden.

Software-Firmen schaffen teure Abhängigkeiten

Was aber, wenn der Quellcode nicht bearbeitet werden kann oder darf? Dann spricht man von proprietärer Software, also Programmen, die Eigentum einer bestimmten Firma sind. Microsoft Word, Adobe Photoshop, Apple-Programme und viele andere gängige Anwendungen sind Beispiele für proprietäre Software. Mit grossen Marketing- und Verkaufsbudgets, weit höher als die eigentlichen Entwicklungsausgaben, machen diese Unternehmen ihre Software-Produkte schmackhaft. Die fehlende Werbung für Open Source Software führt dann dazu, dass in vielen Fällen Schulen, Universitäten, Behörden und Private proprietäre Produkte kaufen, obwohl quelloffene Alternativen oftmals ebenso leistungsfähig sind. Mit diesem Vorgehen entstehen für die Käufer nicht nur kurzfristig hohe Ausgaben für Lizenzen, sondern die Organisationen binden sich auch immer stärker an die Software-Hersteller. Von dieser Abhängigkeit wiederum profitieren die Unternehmen und können weitere Produkte verkaufen und ihre Preispolitik fast beliebig verändern. Es ist somit kein Zufall, dass öffentliche Institutionen bei Informatikbeschaffungen die Aufträge vielfach ohne Ausschreibung freihändig an Firmen vergeben mit der Begründung, dass kein anderes Unternehmen die entsprechende proprietäre Lösung liefern könne.

Im Grunde haben wir damit eine Situation wie in vielen Entwicklungsländern, in denen die Menschen, die nicht lesen und schreiben können, abhängig sind von Schreibern, die mit ihrem geheimen Wissen und Können die schriftliche Kommunikation dominieren. Die Konsequenz für uns ist, dass durch die Fähigkeit, Computerprogramme zu schreiben und nicht bloss Knöpfe zu drücken, die digitalen Kompetenzen der Bevölkerung und damit ihre Macht im Umgang mit diesen Technologien wachsen.

Wir brauchen digitale Nachhaltigkeit

Entscheidend ist neben dem Können aber auch das Dürfen, und dazu braucht es die juristische Freiheit, welche Open Source Software und mit ihr die Vielzahl weiterer «Open»-Bewegungen schaffen. Open Source war in den 90er Jahren nämlich nur der Anfang: So werden heute beispielsweise die Millionen Seiten der Wikipedia von der breiten Öffentlichkeit erstellt und aktualisiert, ohne dass eine einzelne Firma oder Person die Kontrolle darüber hat. Mit Creative Commons Lizenzen für Texte, Bilder, Musik und Filme werden dieselben Möglichkeiten für den Umgang mit Inhalten geschaffen wie mit den Open Source Lizenzen bei der Entwicklung von Software. Und das Open Data-Prinzip macht öffentlich finanzierte Behördendaten und andere Informationen, sofern sie nicht den Datenschutz verletzen oder sicherheitsrelevant sind, frei zugänglich.

Diese und weitere Arbeitsweisen werden als Umsetzungen des Konzepts der «digitalen Nachhaltigkeit» verstanden. Die Brundtland Kommission hat 1987 den Begriff «nachhaltige Entwicklung» definiert: Nachhaltig ist eine Entwicklung, «die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.»

Diese Überlegungen zur nachhaltigen Entwicklung in der physischen Welt können auch in den digitalen Kontext übertragen werden. Allerdings erfordern die unterschiedlichen Eigenschaften dieser zwei Welten ein Umdenken. Während der Gebrauch von physischen Ressourcen stets rivalisierend ist und zu Abnutzung und letztendlich zu Verbrauch führt, verursacht die Nutzung von digitalen Gütern keine Verringerung. Wie das Beispiel der proprietären Software zeigt, können jedoch auch bei digitalen Ressourcen Nutzer ausgeschlossen werden. Gleiches gilt bei Inhalten wie Musikstücken, deren Abspielen beispielsweise mittels digitaler Rechteverwaltung (englisch Digital Rights Management oder kurz DRM) nur begrenzt möglich ist. Bei geschlossenen Datenformaten verhält es sich ähnlich: Zwar könnten die Informationen beliebig oft genutzt, verändert und vervielfältigt werden, jedoch ist deren Struktur mittels geheimgehaltener Codierung nicht zugänglich, ohne dass man dafür teure Programme kauft. Digitale Nachhaltigkeit bedeutet somit freien Zugang zu den Daten (Open Data), zur Datenspezifikation (Open Standards), zur Methode, um die Daten zu lesen (Open Source Software) und zum Datenspeichermedium sowie dem physischen Gerät, um die Daten abzuspielen, das heisst, in eine für Menschen verständliche Form zu bringen (Open Hardware).

Eine Schallplatte im All

Ein historisches Beispiel digitaler Nachhaltigkeit stellen die goldenen Schallplatten dar, die 1977 an Bord der zwei Voyager-Sonden in den Weltraum geschossen wurden. Diese Golden Records bestehen aus vergoldeten Kupferscheiben und haben damit eine geschätzte physische Lebensdauer von mehreren hundert Millionen Jahren. Auf ihrer Oberfläche ist unter anderem mittels ausgeklügelter Skizzen und binärer Zeichen beschrieben, wie die Schallplatte abzuspielen ist, um die darauf gespeicherten Bilder anzusehen und die Töne zu hören. Damit werden alle erwähnten Kriterien der digitalen Nachhaltigkeit erfüllt.

So sollte es ausserirdischen Lebewesen möglich sein, auf diese Informationen zuzugreifen und damit wichtige Anhaltspunkte über das Sonnensystem, die Erde, die Menschen und unsere Lebensweise zu erfahren – sofern sie über Detektoren für elektromagnetische Strahlung (Augen) und akustische Schwingungen (Ohren) verfügen. Ausgerüstet mit diesen «digital nachhaltigen» Schriftstücken fliegen die Raumsonden inzwischen Milliarden von Kilometer ausserhalb des Sonnensystems immer weiter weg – um dann und wann im Abstand von zehntausenden von Jahren mehr oder weniger nahe an anderen Sternen vorbeizukommen.

Kontakt: Dr. Matthias Stürmer, Institut für Wirtschaftsinformatik, Leiter Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeitmatthias.stuermer@iwi.unibe.ch